Nicht Senkung, sondern Erhöhung: Die Fed heute Abend
Heute um 20:00 Uhr deutscher Zeit gibt die US-Notenbank ihren Zinsentscheid bekannt, um 20:30 Uhr tritt Fed-Chef Kevin Warsh vor die Presse. Wer die Nachrichtenlage der letzten Monate aus deutscher Perspektive verfolgt hat, erwartet dabei vermutlich das Falsche: Es geht heute nicht um eine Zinssenkung. Die Märkte preisen mit rund 90 Prozent eine Erhöhung ein — von 3,50 bis 3,75 auf 3,75 bis 4,00 Prozent. Der Zielkorridor liegt seit der Senkung im Dezember 2025 unverändert; eine Anhebung wäre die erste Richtungsumkehr seither und die erste Zinserhöhung unter Warsh.
Update vom 17. September — die Fed hat erhöht, und zwar einstimmig
Die Fed hat den Leitzins am Mittwochabend um 0,25 Punkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben — die erste Erhöhung seit 2023. Überraschend war nicht der Schritt, sondern das Stimmenverhältnis: 12 zu 0. Im Juli hatten noch drei Mitglieder gegen den Beschluss gestimmt, weil sie erhöhen wollten; diesmal stellte sich niemand quer. Eine einstimmige Kehrtwende ist ein deutlicheres Signal als der Zinsschritt selbst.
Der Dot Plot: Es bleibt nicht bei einer
Das war die eigentliche Nachricht, und sie fiel härter aus als erwartet: 16 von 18 Teilnehmern rechnen noch in diesem Jahr mit einer weiteren Erhöhung — vier von ihnen sogar mit zwei. Die Projektionen für das Jahresende liegen zwischen 4,1 und 4,4 Prozent. Gleichzeitig erwarten die Mitglieder stärkeres Wachstum und eine niedrigere Arbeitslosenquote als noch vor drei Monaten; bei der Inflation pendelt sich der Konsens für 2026 bei 3,7 bis 3,8 Prozent ein.
Die Zahl 18 statt 19 hat übrigens ihren Grund: Warsh reicht weiterhin keinen eigenen Punkt ein. Zusätzlich fehlten in dieser Runde die Prognosen eines Teilnehmers für 2028 und 2029 — Warsh gab später zu, dass er auch das war.
Die Begründung ist ungewöhnlicher als der Beschluss
Normalerweise sieht eine Notenbank über Preisschübe hinweg, die von Energie oder Zöllen kommen — sie wirken einmalig und laufen aus. Genau das ist die aktuelle Inflationslage: teurer Kraftstoff infolge des Iran-Kriegs, dazu die anhaltenden Zolleffekte. Die Fed hat diesmal anders abgewogen: Sie hielt die Kosten des Wegschauens für höher als die Kosten des Handelns — auch weil sich der Arbeitsmarkt stabilisiert hat und die Wirtschaft den Schritt verträgt.
Die Marktreaktion: bemerkenswert gelassen
| Wert | 15.9. (Vortag) | 16.9. → 17.9. |
|---|---|---|
| S&P 500 | 7.585,73 Pkt. | 7.551,81 → 7.628,12 |
| US-Rendite, 10 Jahre | 5,00 % | 5,01 % → 4,94 % |
| Gold | 4.332,80 $ | 4.387,50 → 4.399,40 $ |
| Bitcoin | 75.613 $ | 76.150 → 76.442 $ |
Werte vom 17. September, 17:30 Uhr — der US-Handel läuft noch.
Am Entscheidungstag gab der S&P 500 leicht nach (−0,45 Prozent), heute liegt er wieder gut ein Prozent im Plus. Interessanter ist die Anleiheseite: Die zehnjährige Rendite ist nach der Erhöhung gefallen, von 5,01 auf 4,94 Prozent. Das klingt widersinnig, ist es aber nicht — wer glaubt, dass eine Notenbank die Inflation wirklich in den Griff bekommt, verlangt für langlaufende Anleihen weniger Aufschlag. Am kurzen Ende dagegen kletterten die Zweijahresrenditen auf den höchsten Stand seit zwei Jahren. Genau so sieht es aus, wenn der Markt eine Straffung für glaubwürdig hält.
Unsere Einordnung: Der Punkt aus diesem Beitrag hat sich bestätigt — nicht der Viertelpunkt war das Ereignis, sondern der Ausblick. Mit 16 von 18 Stimmen für eine weitere Erhöhung und Projektionen bis 4,4 Prozent ist aus einem einzelnen Schritt ein Zyklus geworden. Wer sein Depot auf fallende Zinsen ausgerichtet hat, sollte das zur Kenntnis nehmen. Für Anleger in Deutschland bleibt der Nebeneffekt: Ein höherer US-Zins stützt den Dollar — und drückt weiter auf zinsempfindliche Werte wie Monatszahler. Dass Gold ausgerechnet in dieser Woche weiter gestiegen ist, zeigt, dass ein Teil des Marktes die Sache trotzdem noch nicht für ausgestanden hält.
Wie aus einem Drittel neunzig Prozent wurden
Noch Ende August lag die Wahrscheinlichkeit für eine Erhöhung bei etwa eins zu drei. Zwei Dinge haben das gedreht.
Erstens Warsh selbst. Am 28. August, an seinem hundertsten Tag im Amt, sprach er in Jackson Hole — und räumte mit der Unklarheit seiner Juli-Pressekonferenz auf. Er verwies darauf, dass die Verbraucherpreise in den zwölf Monaten bis Juli um 3,4 Prozent gestiegen waren und das bevorzugte Maß der Fed sogar bei 3,7 Prozent lag — beides weit über dem Ziel von zwei Prozent. Sein entscheidender Satz: „Wir müssen sicher sein, dass sich die zugrunde liegende Inflation unserem Ziel nähert, klar erkennbar und schnell genug. Andernfalls haben wir noch Arbeit vor uns." Noch am selben Tag sprang die Erwartung über 50 Prozent, der Dollar zog an, die Renditen stiegen.
Zweitens die Daten. Im September kamen die August-Zahlen: Die Erzeugerpreise legten um 0,4 Prozent zum Vormonat und 5,4 Prozent zum Vorjahr zu, die Verbraucherpreise ebenfalls um 0,4 Prozent — und die Kernrate um 0,3 Prozent und damit schneller als erwartet. Damit war die Debatte praktisch entschieden. Dass drei Mitglieder des Offenmarktausschusses — Beth Hammack, Neel Kashkari und Lorie Logan — schon im Juli gegen den Beschluss stimmten, weil sie erhöhen wollten, passt ins Bild: Der Beschluss fiel damals mit 9 zu 3.
Die Erhöhung ist nicht die Nachricht — der Dot Plot ist es
Wenn 90 Prozent eingepreist sind, bewegt der Schritt selbst kaum noch etwas. Interessant wird die Vierteljahresprognose, im Fachjargon der Dot Plot: eine Punktwolke, in der jedes stimmberechtigte Mitglied anonym einträgt, wo es den Leitzins am Jahresende sieht. Zwei Fragen entscheiden über die Marktreaktion:
- Bleibt es 2026 bei einem Schritt? Oder zeigt der mittlere Punkt bereits eine zweite Erhöhung im Dezember? Im Juni sahen neun Mitglieder mindestens eine Anhebung, sechs davon sogar mehrere.
- Was passiert mit 2027? Bisher war dort ein Pfad sinkender Zinsen eingezeichnet. Wird er gestrichen, ist das die eigentliche Straffung — nicht die 0,25 Punkte von heute.
Der Terminmarkt hat sich bereits festgelegt: Er rechnet mit rund 4,2 Prozent zum Jahresende und etwa 4,6 Prozent im September 2027. Das ist mehr als eine Erhöhung — es ist ein ganzer Zyklus.
Eine Eigenheit, die selten erwähnt wird
Warsh gibt keinen eigenen Punkt ab. Er hat seine Kollegen ausdrücklich ermutigt, ihre Schätzungen einzureichen, verweigert seine eigene aber seit Amtsantritt — mit der Begründung, solche Projektionen könnten die Notenbank auf einen Kurs festlegen, den die Daten später nicht hergeben. Wer den Dot Plot heute liest, liest also die Meinung aller außer der des Vorsitzenden.
Die Pressekonferenz: drei Nebenschauplätze
Um 20:30 Uhr wird es politisch. Es ist Warshs erster Auftritt vor der Presse, seit bekannt wurde, dass er und Präsident Trump mehrfach telefoniert haben — bei einer Institution, deren wichtigstes Kapital ihre Unabhängigkeit ist, keine Kleinigkeit. Parallel unternimmt die Regierung einen neuen Anlauf, Notenbank-Gouverneurin Lisa Cook aus dem Amt zu drängen. Und drittens hat die Juli-Pressekonferenz gezeigt, wie empfindlich der Markt auf seinen Ton reagiert: Damals sagte er, die Fed werde nicht andeuten, wohin die Reise gehe, aber alles Nötige tun, um die zwei Prozent zu erreichen — der Dow schloss an dem Tag über 840 Punkte tiefer.
Wie der Markt in den Abend geht
| Wert | Stand | heute |
|---|---|---|
| S&P 500 | 7.617 Pkt. | +0,41 % |
| DAX | 25.584 Pkt. | +0,71 % |
| Gold | 4.395 $ | +1,44 % |
| US-Rendite, 10 Jahre | 4,96 % | −0,04 Punkte |
| EUR/USD | 1,1541 | −0,07 % |
| Bitcoin | 75.666 $ | −1,04 % |
| Volatilitätsindex VIX | 16,68 | −3,03 % |
Bemerkenswert an dieser Aufstellung ist die Gelassenheit: Aktien leicht im Plus, der Angstmesser VIX sogar drei Prozent tiefer — unmittelbar vor einer Zinserhöhung. Der Markt hat sich mit dem Schritt arrangiert. Die Spannung sitzt woanders: Die zehnjährige Rendite steht mit 4,96 Prozent dicht unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 5,02 Prozent, und Gold legt am Tag der Erhöhung 1,4 Prozent zu. Beides sind Anzeichen dafür, dass ein Teil des Marktes der Fed die zwei Prozent noch nicht abnimmt.
Einordnung
Der eigentliche Vorgang heute Abend ist nicht der Viertelpunkt, sondern ein Rollenwechsel: Eine Notenbank, die zwei Jahre lang über den Zeitpunkt der nächsten Senkung diskutiert hat, begründet nun das Gegenteil. Für Anleger heißt das vor allem, Erwartungen zu korrigieren — wer sein Depot auf fallende Zinsen ausgerichtet hat, sollte die Projektionen von heute genau lesen. Umgekehrt gilt: Eine einzelne Erhöhung, die zu 90 Prozent erwartet wird, ist kein Ereignis. Zum Ereignis wird sie erst, wenn der Dot Plot zeigt, dass ihr weitere folgen. Das Ergebnis und die Marktreaktion tragen wir hier heute Abend nach.
Quellen: Termin, Ausgangslage und Abstimmungsverhalten im Juli via FOMC-Kalender; Warshs Rede in Jackson Hole am 28. August samt Inflationszahlen und Zitat via CNBC und NPR; Entwicklung der Erwartung von einem Drittel auf rund 90 Prozent via TheStreet und DeFiRate; August-Preisdaten, Dot-Plot-Fragen, Warshs fehlender eigener Punkt und die Nebenschauplätze der Pressekonferenz via The Crypto Times; Terminmarkt-Pfad via CNBC (Juli-Sitzung). Alle Kurse aus unseren eigenen Kursdaten, erhoben am 16. September 2026 um 17:30 Uhr deutscher Zeit — also im laufenden Handel und vor dem Entscheid. Update 17.09.: Beschluss, Stimmenverhältnis, Dot Plot und Projektionen via CNBC, Kiplinger und der Auswertung der Dot-Plot-Projektionen; Warshs Pressekonferenz via American Banker (Live-Blog). Die Kurse der Update-Tabelle stammen aus unseren eigenen Daten, Stand 17. September 2026, 17:30 Uhr — der US-Handel lief noch.
Keine Anlageberatung. Dieser Beitrag ordnet einen bevorstehenden Notenbank-Entscheid ein und spricht keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung aus. Markterwartungen und Wettmarkt-Quoten sind Preise, keine Prognosen; sie können sich bis zur Bekanntgabe ändern. Angaben zu Positionen einzelner Notenbankmitglieder und zu den politischen Vorgängen um die Fed beruhen auf Medienberichten. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 16. September 2026, 17:30 Uhr (Update-Box: 17. September 2026).