Ondas: Zehnmal mehr Umsatz, ein Viertel weniger Kurs — was hinter dem Kaufrausch steckt
Ondas (Nasdaq: ONDS) ist in diesem Jahr die vielleicht ungewöhnlichste Aktie im Drohnensektor. Das Unternehmen aus Florida will 2026 525 bis 550 Millionen Dollar umsetzen — mehr als zehnmal so viel wie im Vorjahr. Es hatte Ende Juni 1,4 Milliarden Dollar in der Kasse, liefert Drohnenabwehr an Armeen, Polizei und Fußballstadien und hat allein seit Juli sieben Firmen gekauft. Die Aktie steht trotzdem bei rund 7,37 Dollar: 25 Prozent unter dem Jahresanfang und 47 Prozent unter dem Hoch vom 8. Januar.
Der Widerspruch löst sich auf, wenn man zwei Zahlen nebeneinanderlegt: Den Großteil des Wachstums hat Ondas gekauft, nicht selbst erwirtschaftet. Und bezahlt hat es zu einem guten Teil mit neuen Aktien.
Was Ondas macht
Vor zwei Jahren war Ondas noch ein kleiner Anbieter von Funknetzen für Bahnen und von Drohnen, die selbstständig aus einer Basisstation starten. Heute beschreibt sich das Unternehmen als Anbieter autonomer Verteidigungssysteme. Die wichtigsten Felder:
- Drohnenabwehr: Der tragbare Störsender Dronebuster ist nach Firmenangaben mehr als 3.000-mal in über 50 Ländern im Einsatz. Am 30. September kam mit Dronebuster REACH eine Version mit größerer Reichweite dazu; das erste Gerät geht an das Forschungsamt der US-Marine. Die Tochter Sentrycs übernimmt fremde Drohnen per Funk; Ondas-Technik schützte nach Firmenangaben die meisten Stadien der Fußball-WM 2026 in Nordamerika.
- Angriffsdrohnen und Munition: Über die Tochter Mistral liefert Ondas unter einem Rahmenvertrag der US-Armee über bis zu 982 Millionen Dollar für Kamikazedrohnen; Aufträge über mehr als 240 Millionen Dollar sind daraus bereits erteilt.
- Aufklärung: Höhenballons von World View, Langstreckendrohnen von DZYNE.
- Inspektion: Die schottische Cyberhawk prüft per Drohne Stromnetze, Raffinerien und Windräder, zuletzt mit einem neuen Dreijahresvertrag des britischen Versorgers SSE.
Für deutsche Anleger interessant: Mit Heidelberger Druckmaschinen betreibt Ondas seit April das Gemeinschaftsunternehmen ONBERG Autonomous Systems in Brandenburg an der Havel. Dort sollen Drohnenabwehrsysteme für Deutschland und die Ukraine gebaut werden.
Die Zahlen: Rekord auf dem Papier
| Ondas | Q1 2026 | Q2 2026 | Q3 2026 (Prognose) |
|---|---|---|---|
| Umsatz | 50,1 Mio. $ | 83,8 Mio. $ | 140–155 Mio. $ |
| Bruttomarge | 49,2 % | 43,1 % | |
| Bereinigtes EBITDA | −10,9 Mio. $ | −50,6 Mio. $ | Verlust soll sinken |
| Nettoergebnis | +361,2 Mio. $ | −89,7 Mio. $ | |
| Auftragsbestand | 457 Mio. $ (pro forma) | 757 Mio. $ (pro forma) |
Zwei Zeilen brauchen eine Erklärung. Der Gewinn im ersten Quartal stammt fast ganz aus einer Buchungsregel: Ondas hatte bei Kapitalerhöhungen Optionsscheine ausgegeben, und als der Kurs fiel, sanken deren Werte — das verbucht das Unternehmen als Ertrag. Operativ lag Ondas in beiden Quartalen klar im Minus. Im zweiten Quartal kamen allein 67,6 Millionen Dollar an Aktienvergütung für Manager dazu.
Und der Umsatzsprung: Ondas schreibt selbst, dass die Jahresprognose „auf vergleichbarer Basis“, also mit denselben Firmen in beiden Jahren gerechnet, einem Wachstum von gut 30 Prozent entspricht. Dasselbe gilt für das dritte Quartal. Das ist ordentlich, aber weit entfernt vom Zehnfachen. Der Rest ist zugekauft.
Die Rechnung für das vierte Quartal
Ondas verspricht, das Jahr mit einem Umsatz in einer Größenordnung von einer Milliarde Dollar aufs Jahr gerechnet zu beenden. Was das bedeutet, zeigt eine einfache Rechnung: Im ersten Halbjahr kamen 133,9 Millionen Dollar zusammen, für das dritte Quartal sind 140 bis 155 Millionen angekündigt. Damit die Jahresprognose aufgeht, muss das vierte Quartal rund 236 bis 276 Millionen Dollar bringen — gut das Dreifache des Rekordquartals vom Sommer. Mal vier genommen ergibt die Mitte dieser Spanne ziemlich genau die versprochene Milliarde.
Woher das kommen soll, sagt Ondas auch: Serienlieferungen der Kamikazedrohnen für die US-Armee, die neuen Systeme von DZYNE und ab dem vierten Quartal ein Auftrag über 140 Millionen Dollar für unbemannte Pionierfahrzeuge. Diese Aufträge stehen im Bestand. Ob sie rechtzeitig ausgeliefert werden, ist die eigentliche Wette.
Der Preis der Zukäufe
| Übernahme | Abschluss | Gezahlt |
|---|---|---|
| DZYNE (USA): Langstreckendrohnen, Abwehr, Präzisionsschlag | 2. Juli | 200 Mio. $ bar, 40 Mio. Aktien sofort, 45 Mio. Aktien am 4. Januar 2027 |
| Cyberhawk (Schottland): Inspektion | 10. August | 118,2 Mio. $ bar, 0,6 Mio. Aktien |
| GATE (Israel) und Bron (Polen): Zünder und Sicherungstechnik | 14. September | 105 Mio. $ bar + 25 Mio. $ Betriebskapital, 10,7 Mio. Aktien, bis zu 185 Mio. $ Erfolgsprämie in Aktien |
| Insignito, Ottopia Defense, Caribou Labs (Israel) | 23. September | 7,8 Mio. Aktien (rund 56 Mio. $), bis zu 32 Mio. $ Erfolgsprämie |
| Aran Defense (Israel): Fertigung | vereinbart 18. August | rund 33 Mio. $ bar oder in Aktien |
Die Folgen stehen in den Pflichtmitteilungen an die US-Börsenaufsicht SEC. Ende 2025 gab es 380,8 Millionen Ondas-Aktien, Ende Juni 529,8 Millionen, am 11. August 570,6 Millionen. Mit den September-Zukäufen sind es nach unserer Rechnung rund 589 Millionen — gut 50 Prozent mehr als zu Jahresbeginn. Am 4. Januar kommen die 45 Millionen DZYNE-Aktien dazu, später womöglich weitere aus den Erfolgsprämien.
Daraus folgt der merkwürdigste Befund dieser Analyse: Der Börsenwert von Ondas ist seit Jahresanfang von rund 3,7 auf rund 4,3 Milliarden Dollar gestiegen. Das Unternehmen ist an der Börse also mehr wert als im Januar. Jede einzelne Aktie ist aber ein Viertel weniger wert, weil sich der Wert auf viel mehr Stücke verteilt. Für Aktionäre zählt am Ende nur das zweite.
Auch das Geld schmilzt: Von den 1,4 Milliarden Dollar Ende Juni gingen laut Ondas rund 325 Millionen für DZYNE und Cyberhawk ab, dazu 130 Millionen bar für GATE und Bron. Rechnerisch bleiben gut 900 Millionen — vor den laufenden Verlusten und weiteren Zukäufen, die Ondas ausdrücklich ankündigt.
Wie der Markt Ondas bewertet
Bei rund 4,3 Milliarden Dollar Börsenwert zahlen Anleger etwa das Achtfache des für 2026 angepeilten Umsatzes. Gemessen an der versprochenen Milliarde ab Jahresende wäre es gut das Vierfache. Das ist viel für ein Unternehmen, das noch kein Geld verdient — und wenig, falls die Milliarde tatsächlich kommt und bleibt. Einen bereinigten Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen verspricht das Management für das Kerngeschäft ab dem vierten Quartal 2026, für den ganzen Konzern erst ab dem vierten Quartal 2027.
Was der Optionsmarkt erwartet
Die nächste Bewährungsprobe sind die Zahlen für das dritte Quartal, voraussichtlich Mitte November; einen Termin hat Ondas noch nicht genannt. Für den Verfall am 18. Dezember preisen die Optionen eine Bewegung von rund ±28 Prozent ein:
| Verfall 18. Dezember 2026 | Wahrscheinlichkeit |
|---|---|
| über 12 $ (rund +63 %) | 7,7 % |
| über 10 $ (rund +36 %) | 16,1 % |
| über 8 $ | 34,4 % |
| unter 6 $ (rund −19 %) | 34,3 % |
| unter 5 $ (rund −32 %) | 18,9 % |
Der Markt hält damit einen Absturz unter 5 Dollar für etwas wahrscheinlicher als eine Erholung über 10 Dollar. Dass Ondas ausschlägt, gilt als sicher: Seit September 2025 bewegte sich die Aktie an 24 Handelstagen um mehr als 12 Prozent.
Worauf es jetzt ankommt
- Das dritte Quartal. 140 bis 155 Millionen Dollar Umsatz sind angekündigt. Das Quartal ist gestern zu Ende gegangen; verfehlt Ondas die Spanne, wackelt die ganze Jahresrechnung.
- Der Auftragsbestand. 757 Millionen Dollar standen Ende Juni in den Büchern. Wächst er weiter, obwohl die großen Lieferungen beginnen, spricht das für echte Nachfrage.
- Die Aktienzahl. Jeder weitere Zukauf in Aktien und jede Erfolgsprämie verwässert. Der 4. Januar 2027 steht schon fest.
- Die Verluste. Ondas hat versprochen, dass der bereinigte Verlust im dritten Quartal sinkt. Nach 50,6 Millionen Dollar im zweiten Quartal ist das die wichtigste Zahl neben dem Umsatz.
Einordnung
Ondas ist kein Scheinriese: Die Nachfrage nach Drohnenabwehr ist echt, wie unser Beitrag zum Drohnenwall für Flughäfen zeigt, und die Aufträge der US-Armee stehen im Bestand. Aber Ondas ist ein Konzern im Bau, zusammengesetzt aus mehr als einem Dutzend Zukäufen, und bezahlt mit dem Geld und den Anteilen seiner Aktionäre. Ob daraus ein profitables Ganzes wird, zeigen erst die nächsten zwei bis drei Quartale. Einen Überblick über die übrigen börsennotierten Anbieter gibt unser Beitrag zu Motorola Solutions und den Drohnenaktien.
Quellen: Quartalszahlen, Prognose, Auftragsbestand und Kassenbestand laut Mitteilung von Ondas vom 13. August; Aktienzahl laut Quartalsbericht (10-Q); Kaufpreise laut SEC-Meldungen zu DZYNE, GATE und Bron und Insignito, Ottopia Defense und Caribou Labs; Cyberhawk via Ondas, Aran Defense via Ondas, Dronebuster REACH via Ondas, ONBERG via Ondas. Aktienzahl nach den September-Zukäufen, Börsenwert, Umsatzbewertung, die Rechnung zum vierten Quartal, der verbleibende Kassenbestand, Kurse und die aus Optionspreisen abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten aus unseren eigenen Daten und Berechnungen, Stand 1. Oktober 2026 (laufender Handel).
Keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Prognosen sind Angaben des Unternehmens, keine Zusagen. Aus Optionspreisen abgeleitete Wahrscheinlichkeiten sind Marktpreise und keine Prognosen. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 1. Oktober 2026.