Der Drohnenwall für Flughäfen: Wer ihn baut — und welche Aktien davon profitieren können
Am Abend des 23. September stand der Flughafen BER 45 Minuten still. Die Deutsche Flugsicherung sperrte erst die Nord-, dann die Südbahn, acht Flüge wurden nach Dresden umgeleitet. Gefunden wurde die gemeldete Drohne nicht. Drei Tage später unterbrach in Düsseldorf eine private Drohne den Anflugverkehr. Und im August lag am Flughafen Leipzig/Halle eine Drohne mit Sprengstoff in der Nähe eines ukrainischen Frachtflugzeugs — der bisher schwerste Vorfall an einem deutschen Flughafen.
Seit Herbst 2025, als Drohnen den Betrieb in Kopenhagen, Oslo und München lahmlegten, ist vom „Drohnenwall“ die Rede. Gemeint ist ein Netz aus Sensoren und Abwehrsystemen, das Flughäfen, Kraftwerke und Grenzen schützen soll. Wie weit er ist, wer ihn bezahlt und welche börsennotierten Unternehmen daran verdienen — und warum ihre Aktien trotzdem so unterschiedlich laufen.
Was der Drohnenwall ist — und was nicht
Eine Mauer ist er nicht. Die EU-Kommission hat das Projekt im Oktober 2025 in „European Drone Defence Initiative“ umbenannt und als vernetztes System aus Radaren, Funkpeilern, elektronischen Störsendern und Abfangmitteln der Mitgliedstaaten beschrieben, abgestimmt mit der NATO. Der ursprüngliche Zeitplan: erste Einsatzfähigkeit Ende 2026, voll funktionsfähig Ende 2027. Ob das hält, ist offen; einige Mitgliedstaaten wollen Verteidigung lieber national oder über die NATO organisieren als über Brüssel.
Für Flughäfen und andere kritische Infrastruktur hat die Kommission im Februar 2026 einen eigenen Aktionsplan vorgelegt: einen freiwilligen gemeinsamen Einkauf von Abwehrsystemen, schnelle Eingreiftrupps und bis Ende 2026 strengere Regeln für die Registrierung von Drohnen. Gebaut wird trotzdem vor allem national. Polen hat im Januar das größte Programm Europas bestellt, das System SAN für rund 15 Milliarden Złoty (etwa 4,2 Milliarden Dollar), mit dem norwegischen Konzern Kongsberg als wichtigstem Lieferanten. Dänemark lässt seit August ein landesweites Lagebild aus militärischen und zivilen Sensoren aufbauen, mit dem Hersteller Terma.
Deutschland: Erkennen darf jeder, abwehren nur der Staat
Die entscheidende Weichenstellung für deutsche Flughäfen kam im Frühjahr. Mit der Reform des Luftsicherheitsgesetzes, die der Bundestag im Februar beschloss, ist die Bundespolizei nun bundesweit für die Erkennung und Abwehr von Drohnen an Flughäfen zuständig; die Bundeswehr kann im Eilfall helfen. Flughafenbetreiber dürfen Drohnen weiterhin selbst erkennen, eingreifen darf aber nur der Staat.
Das hat eine Folge, die für Anleger wichtig ist: Die Flughäfen kaufen Drohnenabwehr nicht selbst. Die Aufträge kommen von Polizei- und Verteidigungsbehörden. Eine 130-köpfige Einheit der Bundespolizei mit Radaren, Störgewehren und Abfangdrohnen ist an den acht größten Flughäfen stationiert — Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg, Köln/Bonn, Leipzig/Halle, München und Stuttgart —, die bis Ende 2026 zusätzliche Abwehrtechnik erhalten sollen.
Warum Flughäfen besonders schwer zu schützen sind
Drohnenabwehr hat drei Stufen: erkennen (Radar, Funkpeilung, Kameras), identifizieren (Freund, Feind, Hobbypilot?) und abwehren. An einem Flughafen ist jede Stufe schwieriger als auf einem Truppenübungsplatz. Kleine Drohnen sind für Radare kaum von Vögeln zu unterscheiden. Störsender können den Funk und die Navigation der Flugzeuge selbst beeinträchtigen. Abschießen kommt über einem Flughafen mit Passagieren praktisch nicht in Frage. Deshalb setzen sich bei zivilen Anlagen Verfahren durch, die eine Drohne per Funk übernehmen und kontrolliert landen lassen, oder Abfangdrohnen mit Netzen. Und weil jede Meldung zur Sperrung führt, auch wenn sich die Drohne wie am BER nicht findet, ist schon die zuverlässige Erkennung ein Geschäft für sich.
Wer liefert
| Unternehmen | Rolle | Beispiel | seit 1.1. |
|---|---|---|---|
| Kongsberg (Norwegen) | Abwehrbatterien | Hauptlieferant für Polens SAN, rund 16 Mrd. Kronen | +21,8 % |
| Saab (Schweden) | Radar, mobile Abwehr | Auftrag über 2,6 Mrd. Kronen für Armee und zivile Infrastruktur | +18,0 % |
| Motorola Solutions (USA) | Drohne per Funk übernehmen (D-Fend) | 11 von 12 WM-Stadien, US-Heimatschutzprogramm | +16,3 % |
| Hensoldt (Deutschland) | Radar, Gesamtsystem | Mobile Abwehrfahrzeuge für die Bundespolizei, auch für Flughäfen | +6,4 % |
| Thales (Frankreich) | Radar | Radar im Abwehrsystem des Flughafens London-Heathrow | −1,4 % |
| Frequentis (Österreich) | Flugsicherung, Lagebild | Leitet das Forschungsprojekt FALKE zur Abwehr an Flughäfen | −9,6 % |
| Axon (USA) | Erkennung (Dedrone) | US-Flughafenbehörde TSA plant Direktauftrag für Sensoren | −25,6 % |
| Rheinmetall (Deutschland) | Flugabwehr, Abwehrschild | Test mit der Deutschen Flugsicherung, Abwehrschild mit der Telekom | −38,4 % |
| DroneShield (Australien) | Störsender, Sensoren | Belgien: Systeme für Flughäfen und Militärstandorte | −44,3 % |
Daneben gibt es nicht börsennotierte Anbieter, die einen großen Teil des Geschäfts machen, etwa Terma in Dänemark. Und einige der bekanntesten Namen sind inzwischen Teil großer Konzerne: Dedrone gehört seit 2024 zu Axon, D-Fend seit August 2026 zu Motorola Solutions (mehr dazu in unserem Beitrag zu den Drohnenaktien).
Was die Börse daraus macht
Die Grafik oben zeigt das Muster: Die Nachfrage nach Drohnenabwehr steigt überall, die Aktien laufen trotzdem in entgegengesetzte Richtungen. Seit dem Vorfall in Leipzig Anfang August haben die meisten dieser Werte sogar verloren, Axon 31 Prozent, Rheinmetall 20 Prozent. Das hat drei Gründe:
- Drohnenabwehr ist für die Großen ein kleiner Posten. Bei Rheinmetall, Thales oder Saab macht sie einen Bruchteil des Umsatzes aus; den Kurs bestimmen Munition, Panzer, Flugzeuge und die allgemeine Rüstungsstimmung. Bei Axon hängt der Kurs an Kameras für Polizisten und Software, nicht an Dedrone. Warum Rheinmetall gefallen ist, haben wir hier beschrieben.
- Die Gewinner haben große, sichtbare Aufträge. Kongsberg (Polen) und Saab (Schweden) haben in diesem Jahr Aufträge im Milliardenbereich verbucht, die sich klar der Drohnenabwehr zuordnen lassen.
- Die reinen Spezialisten sind teuer gestartet. DroneShield ist das am stärksten spezialisierte Papier der Liste und hat drei Viertel seines Werts vom Hoch verloren, obwohl der Umsatz stark wächst — dieselbe Geschichte wie bei den Drohnenherstellern.
Bleibt die Gegenseite: Für Flughafenbetreiber wie Fraport (seit Jahresanfang −11 Prozent) sind Drohnen ein Kostenfaktor. Jede Sperrung kostet Landungen, Umleitungen und Entschädigungen, auch wenn der Effekt auf das Jahresergebnis bisher klein ist.
Worauf es jetzt ankommt
- Die acht deutschen Flughäfen: Bis Ende 2026 soll dort zusätzliche Abwehrtechnik stehen. Welche Hersteller zum Zug kommen, ist bisher nur teilweise öffentlich.
- Der gemeinsame EU-Einkauf: Wenn die Mitgliedstaaten über den Aktionsplan gemeinsam bestellen, entstehen erstmals europäische Großaufträge für zivile Drohnenabwehr.
- Der Bundeshaushalt 2027: Wie viel Geld die Bundespolizei für Drohnenabwehr bekommt, bestimmt die Größe des deutschen Marktes.
Einordnung
Der Drohnenwall ist politisch beschlossen, technisch machbar und finanziell zugesagt — aber er entsteht langsam, national und über Behörden, nicht über Flughäfen. Für Anleger heißt das: Es gibt keine reine „Drohnenwall-Aktie“. Die Aufträge verteilen sich auf Radar- und Sensorhersteller, Systemintegratoren und Spezialisten, von denen einige nicht börsennotiert sind und andere in großen Konzernen aufgegangen sind. Wer auf das Thema setzt, setzt in der Regel auf einen Konzern, für den Drohnenabwehr ein wachsender, aber kleiner Teil des Geschäfts ist. Ob sich das im Kurs zeigt, hängt mehr am Rest des Konzerns als am nächsten Drohnenalarm.
Quellen: Vorfälle am BER und in Düsseldorf via Berliner Zeitung und Polizei NRW; Leipzig via Time; EU-Initiative und Aktionsplan laut Europäischem Parlament und EU-Kommission (COM(2026) 81); Luftsicherheitsgesetz laut Deutschem Bundestag und desk-sicherheit.de; Bundespolizei-Einheit via VisaHQ; Polen via Notes from Poland und Kongsberg-Börsenmitteilung; Dänemark via Aviation Week; Hensoldt laut ASD News; Saab laut Saab; Axon/Dedrone via cuashub; Rheinmetall via Unmanned Airspace und Euronews; Frequentis laut Airport Technology; DroneShield via EDR Magazine. Kurse und Kursentwicklung aus unseren eigenen Daten, Stand 1. Oktober 2026 (Europa: laufender Handel; USA: Schluss 30. September).
Keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Die genannten Unternehmen sind Beispiele für Anbieter in diesem Markt, keine vollständige Liste. Angaben zu Aufträgen beruhen auf Unternehmens- und Behördenangaben sowie Medienberichten. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 1. Oktober 2026.