Kupfer auf Rekordhoch: Der Rohstoffzyklus nimmt Fahrt auf
Vier Gewinntage in Folge, und heute ein neues Allzeithoch: An der Londoner Metallbörse kostete die Tonne Kupfer 14.779 Dollar — mehr als je zuvor, gut 48 % mehr als vor einem Jahr und dreimal so viel wie vor zehn. Analysten halten die runde Marke von 15.000 Dollar noch in dieser Woche für möglich. Kupfer ist dabei nur die Spitze: Öl notiert nach dem Iran-Krieg bei fast 100 Dollar, Aluminium so hoch wie seit 2022 nicht, und der Bloomberg-Rohstoffindex hatte eines der besten ersten Halbjahre seiner Geschichte. Was treibt den Zyklus — und was davon ist Substanz, was Spekulation?
Die Rohstoff-Landkarte in Zahlen
| Rohstoff | Kurs (8. Sept.) | Seit Jahresanfang | 12 Monate | Abstand zum 52W-Hoch |
|---|---|---|---|---|
| Kupfer (COMEX, $/Pfund) | 6,77 $ | +16 % | +48 % | −1 % |
| Brent-Öl ($/Barrel) | 99,38 $ | +57 % | +48 % | −21 % |
| Aluminium (LME, $/t) | 3.523 $ | höchster Stand seit 2022 | – | |
| Silber ($/Unze) | 66,30 $ | −16 % | +56 % | −45 % |
| Gold ($/Unze) | 4.403 $ | Allzeithoch 5.586 $ im Januar | −21 % | |
| Freeport-McMoRan (FCX) | 76,62 $ | +36 % | +71 % | −5 % |
| Aurubis (NDA, Xetra) | 181,00 € | +38 % | +82 % | −20 % |
Kurse aus unseren eigenen Kursdaten (Schluss 8. September 2026); LME-Kupfer 14.779 $/t laut Börsenberichten vom selben Tag. Eine Tonne entspricht 2.204,6 Pfund.
Warum Kupfer: Drei Angebotsschocks auf einmal
Das Bemerkenswerte an dieser Rallye ist, dass sie weniger von neuer Nachfrage als von fehlendem Angebot getrieben wird. Erstens Chile, der größte Förderer der Welt: Wegen Wetterproblemen lag die Produktion zuletzt 9,4 % unter dem Vorjahr. Zweitens Grasberg in Indonesien, die zweitgrößte Kupfermine der Welt: Vor genau einem Jahr stürzten dort 800.000 Tonnen Schlamm in die Stollen, zwei Arbeiter starben — Betreiber Freeport hat die Produktionsprognose für 2026 um ein Drittel gekappt, volle Kapazität wird frühestens 2027 oder 2028 erwartet. Drittens Kamoa-Kakula im Kongo mit ähnlichen Ausfällen. Goldman Sachs hat daraufhin seine Schätzung für das Minenangebot um 350.000 Tonnen gesenkt — und die Prognose komplett gedreht: Noch im April erwartete die Bank für 2026 einen Überschuss von 490.000 Tonnen, jetzt ein Defizit von 640.000 Tonnen außerhalb der USA.
Dazu kommt ein politischer Faktor: Weil die US-Regierung seit Monaten über Zölle auf raffiniertes Kupfer nachdenkt (die Frist für die Empfehlung des Handelsministeriums verstrich am 30. Juni ohne Entscheidung), verschieben Händler Metall vorsorglich in US-Lager — was den Rest der Welt zusätzlich verknappt. Citi rechnet damit, dass Washington diese „strategische Zweideutigkeit" bewusst aufrechterhält, um die US-Lager voll zu halten.
Die Nachfrageseite: Stromnetze, E-Autos — und die KI
Auf der Nachfrageseite ziehen so viele Kräfte gleichzeitig am selben Metall wie selten: der Ausbau der Stromnetze, Elektromobilität, erneuerbare Energien — und seit zwei Jahren die KI-Rechenzentren, die Kupfer für Stromverteilung und Kühlung in Mengen brauchen. Laut Internationaler Energieagentur soll sich der Stromverbrauch der Rechenzentren von 485 Terawattstunden (2025) auf 945 Terawattstunden 2030 nahezu verdoppeln; jede dieser Kilowattstunden braucht Kupfer im Netz. Genau hier liegt aber auch die Kritik an den bullischen Bankprognosen: Das Angebotsdefizit ist belegt, die KI-Nachfrage bislang eine Annahme — Goldman und Citi bündeln beides in einem Preis. Wer die Rallye kauft, sollte wissen, welchen Teil er kauft.
Der Rest des Zyklus: Öl, Silber, Aluminium
- Öl ist der geopolitische Treiber: Seit Beginn des US-Iran-Kriegs hat sich Brent zeitweise verdoppelt, aktuell knapp 100 Dollar nach neuen Angriffen rund um die Straße von Hormus; die strategische US-Ölreserve ist so leer wie seit 1982 nicht. Das Hoch bei 126 Dollar liegt trotzdem 21 % entfernt — Großverbraucher zapfen Lager an.
- Silber erzählt die Warngeschichte: Der Preis schoss auf 121 Dollar und hat seither 45 % verloren — ein klassischer Blow-off. Fundamental bleibt der Markt im sechsten Defizitjahr in Folge (67 Millionen Unzen laut Silver Institute, China beschränkt Exporte, Solarnachfrage), aber die Geschwindigkeit des Anstiegs hat ihn zum Spielball der Spekulanten gemacht. Kupfer-Anleger sollten sich das Bild einprägen.
- Aluminium profitiert vom selben Elektrifizierungsthema wie Kupfer und handelt mit 3.523 Dollar so hoch wie seit 2022 nicht — mit weniger Schlagzeilen und weniger Spekulation.
Was die Banken erwarten — und was dagegen spricht
Die Prognosen liegen ungewöhnlich weit auseinander. Citi sieht Kupfer zum Jahresende bei 15.000 Dollar je Tonne, im Fall einer starken KI-Nachfrage bis 17.000. Goldman Sachs hob sein Jahresendziel im Juni zwar auf 13.735 Dollar an — das liegt aber unter dem heutigen Kurs: Die Bank erwartet, dass die Rekordpreise nicht halten, weil hohe Preise ihre eigene Nachfrage zerstören: Hersteller sparen Material, weichen auf Aluminium aus oder schieben Käufe auf. Dazu kommt die Zinsseite: Für den 16. September ist eine Fed-Erhöhung zu über 65 % eingepreist (Details im Wochenausblick), und steigende Zinsen sind traditionell Gegenwind für Rohstoffe — für Gold, das seit Januar 21 % verloren hat, ist das schon Realität. Und schließlich China: Der größte Kupferverbraucher der Welt wächst langsamer als geplant.
Wie Anleger in Deutschland dabei sein können
- Direkt über Zertifikate (ETCs): Produkte wie WisdomTree Copper bilden den Kupferpreis über Terminkontrakte ab. Wichtig: Sie leiden unter „Rollverlusten", wenn spätere Kontrakte teurer sind als aktuelle — über Jahre kann das mehrere Prozent kosten. Für kurz- bis mittelfristige Positionen geeignet, für den Sparplan nur mit diesem Wissen.
- Minenaktien: Freeport-McMoRan (größter börsennotierter Kupferförderer, +36 % seit Jahresanfang — paradoxerweise trotz des eigenen Grasberg-Ausfalls, weil der höhere Preis die Menge überkompensiert), Southern Copper, Glencore, dazu die diversifizierten Riesen BHP und Rio Tinto. Minen hebeln den Kupferpreis: Steigt er um 10 %, steigen die Gewinne oft um 20 bis 30 % — in beide Richtungen.
- Der deutsche Weg — Aurubis: Europas größter Kupferproduzent aus Hamburg (+38 % seit Jahresanfang) verdient allerdings nicht am Kupferpreis, sondern an Schmelz- und Verarbeitungslöhnen sowie Recycling. Wer Aurubis als Kupferwette kauft, kauft das falsche Ticket: Die Aktie profitiert von Knappheit bei Schmelzkapazität, nicht direkt vom Metallpreis.
- Gestreut: Ein UCITS-ETF auf Kupferminen (etwa Global X Copper Miners) nimmt das Einzelrisiko heraus; wer den ganzen Zyklus will, findet Rohstoff-ETFs auf den Bloomberg-Index — dort dominieren aber Öl und Gas.
- Mit Hebel: Optionsscheine auf Freeport oder Kupfer gibt es reichlich — wie sie funktionieren und wo die Fallen liegen, erklärt unser Optionsschein-Ratgeber; durchrechnen lassen sie sich im OS-Rechner.
Einordnung
Die Kupfer-Rallye hat ein hartes Fundament — drei ausgefallene Großminen, ein Defizit, das selbst die skeptischste Bank inzwischen anerkennt, und eine Elektrifizierung, die nicht aufhört, weil der Preis steigt. Was sie nicht hat, ist Sicherheit über das Tempo: Goldman erwartet Rückgang, Citi 17.000, die Fed hebt womöglich nächste Woche die Zinsen an, und Silber hat gerade vorgeführt, wie ein Rohstoff 45 % verlieren kann, ohne dass sich an seinem Defizit etwas ändert. Für Anleger heißt das: Die Story ist echt, die Einstiegsmarke ist ein Allzeithoch. Beides gleichzeitig im Kopf zu behalten, ist die eigentliche Aufgabe.
Quellen: LME-Rekord und Angebotslage via finanzen.ch und Moneycab; Goldman-Defizit und Grasberg via MINING.com und Goldman Sachs; Citi-Prognose via wallstreet-online; Kritik an den Prognosen via Crux Investor; Rohstoffindex und Öl via Bloomberg und Trading Economics; Silber-Defizit via Börse Express; KI-Stromverbrauch via finanzmarktwelt (IEA-Daten). Kurse aus unseren eigenen Kursdaten (Schluss 8. September 2026).
Keine Anlageberatung. Rohstoffpreise und Minenaktien schwanken stark; Bankprognosen sind Meinungen und widersprechen sich hier ausdrücklich. Terminkontrakt-Produkte (ETCs) unterliegen Rollkosten. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 8. September 2026.