Balkendiagramm der Diesel-Reichweite aller 27 EU-Staaten in Tagen, vor und nach einer anteiligen Freigabe von 120 Millionen Barrel: EU gesamt von 81 auf 55 Tage, Rumänien von 22 auf 15, Deutschland von 95 auf 63, Frankreich von 90 auf 60, Finnland von 256 auf 171.

Washington will Europas Dieselreserven: Was ein Drittel weniger für die EU-Staaten bedeuten würde

3. Oktober 2026 · marktradar Beiträge · Analyse

Die USA erhöhen den Druck auf Europa. Nach einem Exklusivbericht von Reuters vom 1. Oktober hat die US-Regierung Deutschland und Frankreich aufgefordert, ihre Notvorräte an Diesel anzuzapfen, andernfalls drohe ein Exportverbot für US-Diesel. Mehrere Medien berichten, Washington verlange insgesamt eine Freigabe von 120 Millionen Barrel über sechs Monate. Hintergrund sind die Preise in den USA: Diesel kostete dort am 22. September im Schnitt den Rekordwert von 6,53 Dollar je Gallone, und im November wird gewählt.

Wir haben nachgerechnet, was eine solche Freigabe für jeden einzelnen EU-Staat bedeuten würde — mit den jüngsten Daten des Statistikamts Eurostat.

Die Rechnung

Die EU-Staaten lagerten im Juli und August zusammen rund 48,7 Millionen Tonnen Gasöl und Diesel, gewerbliche und Notvorräte zusammengerechnet. Bei einem Verbrauch von knapp 600.000 Tonnen am Tag — gemessen an den Inlandslieferungen der letzten zwölf Monate — reicht das für 81 Tage.

120 Millionen Barrel entsprechen rund 16,1 Millionen Tonnen, also einem Drittel aller Lager. Verteilt man die Freigabe anteilig auf alle Staaten, sinkt die Reichweite der EU auf 55 Tage. Wie die Menge tatsächlich aufgeteilt würde, ist offen; die Grafik zeigt deshalb eine gleichmäßige Verteilung.

StaatReichweite jetztdanachAnteil an den EU-Lagern
Deutschland95 Tage63 Tage21 %
Frankreich90 Tage60 Tage17 %
Italien59 Tage39 Tage8 %
Spanien68 Tage46 Tage11 %
Rumänien22 Tage15 Tage1 %
Österreich67 Tage45 Tage2 %
EU gesamt81 Tage55 Tage100 %

Deutschland und Frankreich halten zusammen 38 Prozent der EU-Dieselvorräte — deshalb richtet sich der Druck vor allem an Berlin und Paris. Deutschland steht mit 95 Tagen vergleichsweise gut da. Knapp wird es am Rand: Rumänien hat schon heute nur Diesel für gut drei Wochen, Kroatien und die Slowakei kämen nach einer anteiligen Freigabe auf rund einen Monat.

Warum die USA ausgerechnet Diesel wollen

Seit dem Krieg am Golf fehlt Europa ein großer Teil seiner Diesel-Importe aus dem Nahen Osten. Die Lücke haben die USA gefüllt: Im August kamen nach Daten des Analysehauses Vortexa rund 520.000 Barrel am Tag aus den USA, etwa die Hälfte der europäischen Dieselimporte von außerhalb. Insgesamt exportierten die USA im August den Rekordwert von 1,6 Millionen Barrel am Tag. Die Folge: Die Dieselvorräte an der US-Ostküste fielen auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Wochenstatistik 1990.

Eine Zahl macht die Forderung greifbar: 120 Millionen Barrel über sechs Monate sind rund 660.000 Barrel am Tag — mehr, als die USA im August nach Europa geliefert haben. Washington möchte also, dass Europa die amerikanischen Lieferungen für ein halbes Jahr aus eigenen Lagern ersetzt, damit mehr Diesel im eigenen Land bleibt. Im September sind die US-Lieferungen nach Europa nach Vortexa bereits auf rund 400.000 Barrel am Tag gefallen, und Europa importierte so wenig Diesel wie nie zuvor.

Das Dilemma der EU

Die EU-Kommission hat mit Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Irland bereits über eine mögliche Freigabe beraten. Präsident Macron drängte bei Trump auf eine Abstimmung in der G7 ohne Exportbeschränkungen.

Und an der Börse?

Stand 2. Oktoberseit Jahresanfangseit 30. September
US-Diesel (Terminkontrakt, NY Harbor)+112 %−9 %
Brent+68 %−1 %
Marathon Petroleum (US-Raffinerie)+160 %+7 %
Valero (US-Raffinerie)+150 %+5 %
Repsol+82 %−3 %
Neste+62 %−4 %
OMV+48 %−1 %

Der Dieselpreis an der New Yorker Terminbörse hat sich in diesem Jahr mehr als verdoppelt, ist seit dem Bericht aber um 9 Prozent gefallen. Raffinerien gehören zu den größten Gewinnern der Krise: Valero und Marathon haben ihren Börsenwert mehr als verdoppelt. Ein Exportverbot wäre für sie zweischneidig. Analysten von Goldman Sachs und Barclays warnten, es könnte den Raffineriebetrieb stören und sogar das Benzinangebot verknappen; Trump selbst äußerte sich zuletzt zurückhaltender. Für europäische Raffinerien würde eine Freigabe der Lager die Preise und damit die Margen drücken — die Kurse haben seit dem Bericht leicht nachgegeben.

Worauf es jetzt ankommt

Einordnung

Europa ist nicht knapp an Diesel, aber es hängt an Importen — und die kommen derzeit zur Hälfte aus den USA. Genau das nutzt Washington als Hebel. Eine Freigabe von 120 Millionen Barrel würde die EU nicht in einen Notstand stürzen: 55 Tage Reichweite sind weniger als heute, aber kein Leerstand. Riskant wird es für die kleineren Staaten am Rand und für den Fall, dass die Krise am Golf länger dauert. Mehr zur Lage am Ölmarkt steht in unseren Beiträgen zu Aramco und dem Lieferstopp für Europa und zum Wiederaufbau am Golf.

Quellen: Forderung der USA via Reuters (via US News) und The Globe and Mail; Menge von 120 Mio. Barrel via BigGo Finance und Oilprice; Lager und Verbrauch laut Eurostat (nrg_stk_oilm, nrg_cb_oilm; Rumänien und Griechenland Stand Juni); US-Exporte via Vortexa, Bloomberg und Oilprice; Einschätzung zum Exportverbot via Reuters-Explainer (US News). Reichweiten, Anteile, Umrechnung (rund 7,46 Barrel je Tonne) und Kursveränderungen aus unseren eigenen Berechnungen, Stand 3. Oktober 2026. Idee zur Darstellung nach einer Grafik, die in sozialen Netzwerken kursierte; Zahlen und Grafik von marktradar mit neueren Daten neu berechnet.

Keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Die Aufteilung der Freigabe auf die Staaten ist eine Modellannahme. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 3. Oktober 2026.