China und Taiwan: Wann ein Angriff am wahrscheinlichsten wäre — und wer an der Börse gewinnen oder verlieren würde
Kaum ein Risiko wird an der Börse so oft genannt und so selten eingepreist wie ein Angriff Chinas auf Taiwan. Die Insel fertigt nach gängigen Schätzungen rund 90 Prozent der modernsten Chips der Welt. Ein Krieg würde nach einer Modellrechnung von Bloomberg Economics im ersten Jahr rund 10,6 Billionen Dollar Wirtschaftsleistung kosten, fast ein Zehntel der Weltwirtschaft. Trotzdem steht der taiwanische Leitindex auf Rekord, 67 Prozent über dem Jahresanfang.
Zwei Fragen stehen im Raum: Wann wäre ein Angriff am wahrscheinlichsten? Und wer würde davon profitieren? Die ehrliche Antwort auf die zweite Frage vorweg: Niemand profitiert „unbedingt“. Ein Krieg um Taiwan wäre ein Schock für fast alle Anlagen. Es gibt aber Branchen, die in bestimmten Szenarien relativ besser abschneiden würden, und Muster aus früheren Krisen, die man kennen sollte.
Was die Fachleute derzeit sagen
- US-Geheimdienste: Die jährliche Bedrohungsanalyse vom März 2026 kommt zu dem Schluss, dass China keinen Angriff für 2027 plant. Peking wäge die Bereitschaft der Armee, die Politik Taiwans und die Frage ab, ob die USA militärisch eingreifen würden. Nach einem Reuters-Bericht von Anfang Oktober halten US-Beamte eine Invasion vor 2028 zunehmend für unwahrscheinlich.
- Die Säuberungen in der Armee: Staatschef Xi Jinping hat mit Zhang Youxia und Liu Zhenli zwei der ranghöchsten Generäle entfernt. Analysten sehen darin eher eine Schwächung der Fähigkeit, eine so komplexe Operation zu planen.
- Der Prognosemarkt: Auf Polymarket wird eine Invasion bis Ende 2026 Anfang Oktober mit rund 3 Prozent gehandelt, Ende 2025 waren es zeitweise fast 30 Prozent. Für eine Invasion bis Ende 2027 lag der Wert Ende Juli bei rund 12 Prozent.
- Der Druck unterhalb eines Krieges nimmt zu: Im Dezember 2025 übte die chinesische Armee mit „Justice Mission 2025“ erstmals ausdrücklich eine vollständige Seeblockade. Die Zahl der Militärflüge in Taiwans Luftraum-Vorfeld stieg 2025 laut CSIS um gut 22 Prozent.
Wann ein Angriff am wahrscheinlichsten wäre
Die Jahreszeit. Die Taiwanstraße ist rund 130 bis 180 Kilometer breit und berüchtigt für schweres Wetter. Von Juni bis August ziehen Taifune durch, von November bis Februar herrscht der Wintermonsun; an rund 156 Tagen im Jahr erreicht der Wind Stärke 6 und mehr. Der Militärhistoriker Ian Easton kommt deshalb auf zwei Zeitfenster mit guten Bedingungen für eine Landung: April und Oktober, mit Einschränkungen auch Mai und September. Kritiker halten dagegen, dass für eine Landung wenige ruhige Tage reichen könnten, wie 1944 in der Normandie.
Die Jahre. Am häufigsten genannt wird 2027: Xi hat die Armee angewiesen, bis dahin für einen Angriff bereit zu sein. Am 1. August 2027 wird die Volksbefreiungsarmee 100 Jahre alt, im Herbst 2027 steht der nächste Parteitag an. Bereit sein heißt aber nicht angreifen wollen. Danach rückt die Präsidentenwahl in Taiwan im Januar 2028 in den Blick, die Peking nach US-Einschätzung genau beobachtet. Die Analysefirma Recorded Future erwartet, dass das Risiko ab 2027 langfristig steigt, ohne dass ein Angriff unausweichlich wäre.
Die Form. Wahrscheinlicher als eine Invasion ist nach fast allen Einschätzungen eine Blockade oder „Quarantäne“: Kontrolle von Schiffen und Flügen, ohne direkten Angriff. Sie wäre schneller umsetzbar, billiger und politisch leichter zu dosieren. Eine Landung dagegen bräuchte Monate sichtbarer Vorbereitung, schon wegen der Mengen an Nachschub, die über das Meer müssten.
Was die Börse bisher eingepreist hat: fast nichts
| Ereignis | Taiwan-Index am Tag | TSMC am Tag | Lockheed am Tag |
|---|---|---|---|
| Manöver nach Pelosi-Besuch, 4.8.2022 | −0,5 % | −0,2 % | −0,3 % |
| „Strait Thunder“, 1.4.2025 | +2,8 % | +3,7 % | +0,4 % |
| Blockadeübung „Justice Mission“, 29.12.2025 | +0,9 % | +1,3 % | +1,2 % |
Kein Manöver hat die Märkte nennenswert bewegt. Der Absturz in der Woche nach „Strait Thunder“ im April 2025 kam von den US-Zöllen, nicht vom Militär. Heute steht der taiwanische Leitindex 67 Prozent über dem Jahresanfang, TSMC 51 Prozent. Die Börse handelt Taiwan als KI-Gewinner, nicht als Krisengebiet.
Was ein Konflikt wirtschaftlich bedeuten würde
| Bloomberg Economics, 1. Jahr | Krieg (Modell 2026) | Blockade (Modell 2024) |
|---|---|---|
| Weltwirtschaft | −9,6 % | −5,0 % |
| China | −11 % | −8,9 % |
| USA | −6,6 % | −3,3 % |
| EU | −10,9 % | |
| Japan / Südkorea | −14,7 % / −23 % |
Der Grund ist vor allem der Ausfall der Chips: Im Blockade-Modell sinkt die Produktion von Smartphones und anderer moderner Elektronik um 60 Prozent, die von Autos und Haushaltsgeräten um 30 Prozent. Die neuen TSMC-Werke in Arizona ändern daran vorerst wenig: Sie stehen 2026 erst für einen kleinen Teil der weltweiten Spitzenfertigung, gemessen an der Ausbringung nach Schätzungen für rund 2 Prozent.
Wer in welchem Szenario gewinnen oder verlieren könnte
| Szenario | Eher Verlierer | Relativ besser |
|---|---|---|
| Manöver, Grauzone | kaum Wirkung, wie bisher | kaum Wirkung |
| Blockade | TSMC, Chipentwickler ohne eigene Fabriken (Nvidia, AMD, Qualcomm), Apple, Taiwans Börse, Japan und Südkorea | Rüstung (Lockheed Martin, RTX, Northrop Grumman, Mitsubishi Heavy), Chipfertiger außerhalb Taiwans (Intel), Gold |
| Krieg | fast alle Aktienmärkte, besonders Asien und Technologie | Rüstung und Gold relativ, aber nicht sicher |
Der beste Anschauungsfall ist der Beginn des Ukraine-Kriegs am 24. Februar 2022:
| Ab 24.2.2022 | nach 5 Tagen | nach 1 Monat |
|---|---|---|
| Rheinmetall | +57 % | +109 % |
| Northrop Grumman | +17 % | +19 % |
| Lockheed Martin | +16 % | +17 % |
| Mitsubishi Heavy | +6 % | +26 % |
| S&P 500 | +4 % | +8 % |
| Gold | +1 % | +2 % |
| TSMC (Taiwan) | −4 % | −7 % |
Rüstungswerte stiegen damals schnell und stark. Bei Taiwan gibt es aber drei wichtige Unterschiede:
- Die Größenordnung. Ein Krieg um Taiwan träfe die Weltwirtschaft nach Bloomberg härter als die Finanzkrise oder die Pandemie. 2022 stieg der S&P 500 im ersten Monat nach Kriegsbeginn sogar, das wäre hier kaum zu erwarten.
- Auch Rüstung braucht Chips und seltene Erden, bei denen China den Weltmarkt beherrscht. Bloomberg hat den Ausfall solcher Rohstoffe in seinem Modell ausdrücklich noch nicht berücksichtigt.
- Die Ausgangslage. Manche mögliche Gewinner sind schon stark gestiegen: Intel liegt 2026 mehr als 200 Prozent im Plus, Micron fast 300 Prozent, angetrieben vom KI-Boom. Micron fertigt zudem einen erheblichen Teil seiner Speicherchips selbst in Taiwan.
Einordnung
Nach den aktuellen Einschätzungen ist ein Angriff in den nächsten zwölf Monaten unwahrscheinlich; wenn, dann eher in einem Frühjahrs- oder Herbstfenster und eher als Blockade denn als Invasion. 2027 und die Wahl in Taiwan Anfang 2028 sind die Termine, an denen das Risiko häufiger diskutiert wird. Die Börse preist davon praktisch nichts ein, sie ist mit Taiwan und den Chipwerten so stark wie selten zuvor. Wer sich gegen ein solches Risiko absichern will, denkt am besten in Szenarien statt in Wetten: Ein Krieg um Taiwan wäre kein Anlass für Gewinne, sondern einer für Schadensbegrenzung. Mehr zur Lage der Rüstungsaktien steht in unseren Beiträgen zu den Rheinmetall-Insiderkäufen und zum Drohnenwall.
Quellen: US-Bedrohungsanalyse via USNI News; Reuters-Bericht via InvestingLive; Säuberungen via Modern Diplomacy; weitere Einschätzungen von ASPI, ICDS und Recorded Future; Prognosemarkt via Polymarket und Coinfomania; Militärflüge und Lage via Synergia Foundation; Blockadeübung via USNI News; Wetterfenster nach Ian Easton via Taiwan News und ASPI, Gegenposition via The National Interest; Kosten via Bloomberg, Insurance Journal und Insurance Journal (2024); Chipanteil via CFR, Arizona via Tech Insider. Kursreaktionen und Wertentwicklungen aus unseren eigenen Kursdaten, Stand 2. Oktober 2026.
Keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Geopolitische Einschätzungen und Prognosemarkt-Werte sind keine Vorhersagen. Kursreaktionen früherer Krisen lassen sich nicht auf künftige übertragen. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 2. Oktober 2026.