Grafik: Eignung der Monate für eine Landung in der Taiwanstraße, April und Oktober gut, Sommer und Winter schlecht. Darunter die Wahrscheinlichkeit einer Invasion laut Prognosemarkt: rund 3 Prozent bis Ende 2026, rund 12 Prozent bis Ende 2027, dazu die Termine 1. August 2027, Parteitag im Herbst 2027 und Präsidentenwahl in Taiwan im Januar 2028.

China und Taiwan: Wann ein Angriff am wahrscheinlichsten wäre — und wer an der Börse gewinnen oder verlieren würde

2. Oktober 2026 · marktradar Beiträge · Analyse

Kaum ein Risiko wird an der Börse so oft genannt und so selten eingepreist wie ein Angriff Chinas auf Taiwan. Die Insel fertigt nach gängigen Schätzungen rund 90 Prozent der modernsten Chips der Welt. Ein Krieg würde nach einer Modellrechnung von Bloomberg Economics im ersten Jahr rund 10,6 Billionen Dollar Wirtschaftsleistung kosten, fast ein Zehntel der Weltwirtschaft. Trotzdem steht der taiwanische Leitindex auf Rekord, 67 Prozent über dem Jahresanfang.

Zwei Fragen stehen im Raum: Wann wäre ein Angriff am wahrscheinlichsten? Und wer würde davon profitieren? Die ehrliche Antwort auf die zweite Frage vorweg: Niemand profitiert „unbedingt“. Ein Krieg um Taiwan wäre ein Schock für fast alle Anlagen. Es gibt aber Branchen, die in bestimmten Szenarien relativ besser abschneiden würden, und Muster aus früheren Krisen, die man kennen sollte.

Was die Fachleute derzeit sagen

Wann ein Angriff am wahrscheinlichsten wäre

Die Jahreszeit. Die Taiwanstraße ist rund 130 bis 180 Kilometer breit und berüchtigt für schweres Wetter. Von Juni bis August ziehen Taifune durch, von November bis Februar herrscht der Wintermonsun; an rund 156 Tagen im Jahr erreicht der Wind Stärke 6 und mehr. Der Militärhistoriker Ian Easton kommt deshalb auf zwei Zeitfenster mit guten Bedingungen für eine Landung: April und Oktober, mit Einschränkungen auch Mai und September. Kritiker halten dagegen, dass für eine Landung wenige ruhige Tage reichen könnten, wie 1944 in der Normandie.

Die Jahre. Am häufigsten genannt wird 2027: Xi hat die Armee angewiesen, bis dahin für einen Angriff bereit zu sein. Am 1. August 2027 wird die Volksbefreiungsarmee 100 Jahre alt, im Herbst 2027 steht der nächste Parteitag an. Bereit sein heißt aber nicht angreifen wollen. Danach rückt die Präsidentenwahl in Taiwan im Januar 2028 in den Blick, die Peking nach US-Einschätzung genau beobachtet. Die Analysefirma Recorded Future erwartet, dass das Risiko ab 2027 langfristig steigt, ohne dass ein Angriff unausweichlich wäre.

Die Form. Wahrscheinlicher als eine Invasion ist nach fast allen Einschätzungen eine Blockade oder „Quarantäne“: Kontrolle von Schiffen und Flügen, ohne direkten Angriff. Sie wäre schneller umsetzbar, billiger und politisch leichter zu dosieren. Eine Landung dagegen bräuchte Monate sichtbarer Vorbereitung, schon wegen der Mengen an Nachschub, die über das Meer müssten.

Was die Börse bisher eingepreist hat: fast nichts

EreignisTaiwan-Index am TagTSMC am TagLockheed am Tag
Manöver nach Pelosi-Besuch, 4.8.2022−0,5 %−0,2 %−0,3 %
„Strait Thunder“, 1.4.2025+2,8 %+3,7 %+0,4 %
Blockadeübung „Justice Mission“, 29.12.2025+0,9 %+1,3 %+1,2 %

Kein Manöver hat die Märkte nennenswert bewegt. Der Absturz in der Woche nach „Strait Thunder“ im April 2025 kam von den US-Zöllen, nicht vom Militär. Heute steht der taiwanische Leitindex 67 Prozent über dem Jahresanfang, TSMC 51 Prozent. Die Börse handelt Taiwan als KI-Gewinner, nicht als Krisengebiet.

Was ein Konflikt wirtschaftlich bedeuten würde

Bloomberg Economics, 1. JahrKrieg (Modell 2026)Blockade (Modell 2024)
Weltwirtschaft−9,6 %−5,0 %
China−11 %−8,9 %
USA−6,6 %−3,3 %
EU−10,9 %
Japan / Südkorea−14,7 % / −23 %

Der Grund ist vor allem der Ausfall der Chips: Im Blockade-Modell sinkt die Produktion von Smartphones und anderer moderner Elektronik um 60 Prozent, die von Autos und Haushaltsgeräten um 30 Prozent. Die neuen TSMC-Werke in Arizona ändern daran vorerst wenig: Sie stehen 2026 erst für einen kleinen Teil der weltweiten Spitzenfertigung, gemessen an der Ausbringung nach Schätzungen für rund 2 Prozent.

Wer in welchem Szenario gewinnen oder verlieren könnte

SzenarioEher VerliererRelativ besser
Manöver, Grauzonekaum Wirkung, wie bisherkaum Wirkung
BlockadeTSMC, Chipentwickler ohne eigene Fabriken (Nvidia, AMD, Qualcomm), Apple, Taiwans Börse, Japan und SüdkoreaRüstung (Lockheed Martin, RTX, Northrop Grumman, Mitsubishi Heavy), Chipfertiger außerhalb Taiwans (Intel), Gold
Kriegfast alle Aktienmärkte, besonders Asien und TechnologieRüstung und Gold relativ, aber nicht sicher

Der beste Anschauungsfall ist der Beginn des Ukraine-Kriegs am 24. Februar 2022:

Ab 24.2.2022nach 5 Tagennach 1 Monat
Rheinmetall+57 %+109 %
Northrop Grumman+17 %+19 %
Lockheed Martin+16 %+17 %
Mitsubishi Heavy+6 %+26 %
S&P 500+4 %+8 %
Gold+1 %+2 %
TSMC (Taiwan)−4 %−7 %

Rüstungswerte stiegen damals schnell und stark. Bei Taiwan gibt es aber drei wichtige Unterschiede:

Einordnung

Nach den aktuellen Einschätzungen ist ein Angriff in den nächsten zwölf Monaten unwahrscheinlich; wenn, dann eher in einem Frühjahrs- oder Herbstfenster und eher als Blockade denn als Invasion. 2027 und die Wahl in Taiwan Anfang 2028 sind die Termine, an denen das Risiko häufiger diskutiert wird. Die Börse preist davon praktisch nichts ein, sie ist mit Taiwan und den Chipwerten so stark wie selten zuvor. Wer sich gegen ein solches Risiko absichern will, denkt am besten in Szenarien statt in Wetten: Ein Krieg um Taiwan wäre kein Anlass für Gewinne, sondern einer für Schadensbegrenzung. Mehr zur Lage der Rüstungsaktien steht in unseren Beiträgen zu den Rheinmetall-Insiderkäufen und zum Drohnenwall.

Quellen: US-Bedrohungsanalyse via USNI News; Reuters-Bericht via InvestingLive; Säuberungen via Modern Diplomacy; weitere Einschätzungen von ASPI, ICDS und Recorded Future; Prognosemarkt via Polymarket und Coinfomania; Militärflüge und Lage via Synergia Foundation; Blockadeübung via USNI News; Wetterfenster nach Ian Easton via Taiwan News und ASPI, Gegenposition via The National Interest; Kosten via Bloomberg, Insurance Journal und Insurance Journal (2024); Chipanteil via CFR, Arizona via Tech Insider. Kursreaktionen und Wertentwicklungen aus unseren eigenen Kursdaten, Stand 2. Oktober 2026.

Keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Geopolitische Einschätzungen und Prognosemarkt-Werte sind keine Vorhersagen. Kursreaktionen früherer Krisen lassen sich nicht auf künftige übertragen. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 2. Oktober 2026.