Liniendiagramm der GE-Vernova-Aktie seit der Abspaltung von General Electric im April 2024: Anstieg von rund 123 auf über 1.100 Dollar bis Frühjahr 2026, Rückschlag am 14. September um 8,6 Prozent, zuletzt rund 985 Dollar.

GE Vernova: 176 Milliarden Dollar Auftragsbestand — und eine Aktie, die an der KI-Stimmung hängt

1. Oktober 2026 · marktradar Beiträge · Analyse

GE Vernova (NYSE: GEV) baut, was Rechenzentren am dringendsten brauchen: Gasturbinen, Transformatoren und Netztechnik. Seit der Abspaltung von General Electric im April 2024 hat sich der Kurs ungefähr verachtfacht, seit Jahresanfang liegt das Plus bei rund 51 Prozent. Heute steht die Aktie bei rund 985 Dollar (+3,7 Prozent) — und trotzdem 16 Prozent unter dem Rekordschluss von 1.174,86 Dollar vom 30. Juni.

Dazwischen liegen zwei Tage, an denen die Aktie jeweils fast 9 Prozent verlor, obwohl im Unternehmen nichts schiefgegangen war. Das ist die eigentliche Geschichte von GE Vernova im Herbst 2026: Das Geschäft läuft so gut wie nie, der Kurs hängt an der Frage, wie lange der KI-Bauboom anhält. Die nächsten Zahlen kommen am 28. Oktober vor US-Börsenbeginn.

Drei Sparten, zwei davon im Boom

2. Quartal 2026AufträgeUmsatzLage
Power: Gasturbinen, Kernkraft, Wasserkraft16,7 Mrd. $ (+134 %)5,5 Mrd. $ (+14 %)Lieferzeiten bis in die 2030er
Electrification: Netze, Transformatoren6,3 Mrd. $ (+66 %)3,6 Mrd. $ (+68 %)Rechenzentren treiben die Nachfrage
Wind: an Land und auf See1,2 Mrd. $ (−40 %)2,0 Mrd. $ (−10 %)Verlust, rund 400 Mio. $ im Jahr

Wachstumsraten der Aufträge organisch, also ohne Zukäufe. Insgesamt stiegen die Aufträge um 88 Prozent auf 24,2 Milliarden Dollar, der Umsatz um 22 Prozent auf 11,1 Milliarden. Der Auftragsbestand wuchs in nur einem Quartal um 13 Milliarden auf 176 Milliarden Dollar — fast das Vierfache des für 2026 erwarteten Jahresumsatzes. Konzernchef Scott Strazik sagte Mitte September auf einer Investorenkonferenz, die Marke von 200 Milliarden dürfte Anfang 2027 fallen.

Die Gasturbine als Engpass

Der wichtigste Satz aus der Quartalsmitteilung betrifft die Gasturbinen: Unter Vertrag oder fest reserviert sind 116 Gigawatt, bis Jahresende sollen es mindestens 125 Gigawatt sein. Gleichzeitig baut GE Vernova die Fertigung aus — auf 20 Gigawatt im Jahr ab dem laufenden Quartal, 24 Gigawatt 2028 und 30 Gigawatt 2030.

Eine einfache Rechnung zeigt, was das bedeutet: Bei 20 bis 24 Gigawatt im Jahr reicht der Bestand für gut fünf bis sechs Jahre Produktion. Wer heute eine Gasturbine bestellt, wartet bis in die 2030er. In einem solchen Markt bestimmt der Hersteller den Preis, und genau das zeigen die Margen: Das bereinigte EBITDA stieg im zweiten Quartal um 62 Prozent auf 1,25 Milliarden Dollar, die Marge von 8,5 auf 11,3 Prozent.

Bei der Netztechnik ist die Lage ähnlich. Aufträge von Rechenzentren summierten sich in der Sparte Electrification bis Ende Juni auf mehr als 5 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie im gesamten Jahr 2025.

Das Geld

Weil Kunden für Turbinen und reservierte Fertigungsplätze früh zahlen, fließt viel Geld vor dem Umsatz; GE Vernova nennt dafür ausdrücklich das Umlaufvermögen. Im zweiten Quartal erzielte GE Vernova 5,1 Milliarden Dollar freien Mittelzufluss, mehr als im ganzen Jahr 2025. Die Prognose für 2026 wurde auf 11,5 bis 12,5 Milliarden angehoben (vorher 6,5 bis 7,5), die für den Umsatz auf 45,5 bis 46,5 Milliarden. In der Kasse lagen Ende Juni 13,1 Milliarden Dollar. Seit Jahresanfang hat das Unternehmen 4,3 Millionen eigene Aktien zu durchschnittlich 854 Dollar zurückgekauft; dazu kommt eine Quartalsdividende von 0,50 Dollar, was bei diesem Kurs kaum ins Gewicht fällt.

Warum die Aktie trotzdem schwankt

TagBewegungAnlass
22. Juli−8,7 %Zahlen zum 2. Quartal, trotz angehobener Prognose
14. September−8,6 %Anthropic-Chef Dario Amodei fordert eine Verlangsamung der KI-Entwicklung; am selben Tag Verkaufsempfehlung von GLJ Research mit Kursziel 470 $
16. September+4,8 %Konferenz: Auftragsbestand soll Anfang 2027 über 200 Mrd. $ liegen
1. Oktober+3,7 %keine Unternehmensmeldung; auch Vertiv, Eaton und Constellation im Plus

Der 14. September ist der aufschlussreichste Tag. Ein Essay über die Risiken künstlicher Intelligenz hat mit Gasturbinen nichts zu tun — und kostete GE Vernova trotzdem an einem Tag mehr als 20 Milliarden Dollar Börsenwert. Die Aktie wird an der Börse als KI-Wert gehandelt, nicht als Kraftwerksbauer.

Das hat mit der Bewertung zu tun. Bei 266,3 Millionen Aktien ist GE Vernova rund 262 Milliarden Dollar wert, etwa das 22-Fache des für 2026 erwarteten freien Mittelzuflusses und knapp das Sechsfache des Umsatzes. Das ist für einen Industriekonzern viel und setzt voraus, dass der Boom deutlich über 2027 hinaus trägt. Der Konzernchef sieht das so: Die 2030er sollen für GE Vernova ein noch besseres Jahrzehnt werden als die 2020er.

Wind und Kernkraft: Altlast und Option

Die Windsparte bleibt das Sorgenkind. Mitte September hat GE Vernova den Streit um den Offshore-Windpark Vineyard Wind vor der US-Ostküste beigelegt, wo 2024 ein Rotorblatt zerbrochen war. Es ging um rund 300 Millionen Dollar zurückgehaltener Zahlungen; die Bedingungen des Vergleichs sind vertraulich.

Die Kernkraft ist dagegen die langfristige Option. Am 29. September hat die US-Atomaufsicht NRC dem Versorger TVA die Baugenehmigung für einen kleinen modularen Reaktor vom Typ BWRX-300 am Standort Clinch River in Tennessee erteilt — die erste für dieses Modell in den USA. Der Reaktor stammt aus dem Gemeinschaftsunternehmen GE Vernova Hitachi. Umsatz in nennenswerter Größe bringt das noch lange nicht: Einen Baubeginn hat TVA nicht genannt, die Genehmigung rechnet frühestens 2031 mit der Fertigstellung.

Im Vergleich

Stand 1. Oktober 2026seit JahresanfangAbstand zum 12-Monats-Hoch
GE Vernova+51 %−16 %
Vertiv (Kühlung, Stromversorgung von Rechenzentren)+52 %−35 %
Eaton (Elektrotechnik)+37 %−5 %
Siemens Energy+18 %−24 %
Siemens+14 %−6 %
Mitsubishi Heavy (Gasturbinen)±0 %−26 %
Constellation (Kernkraftbetreiber)−27 %−36 %

Siemens Energy ist der naheliegende Vergleich für deutsche Anleger: gleiches Geschäft mit Gasturbinen und Netztechnik, ebenfalls eine Windsparte mit Problemen. Die Aktie hat 2026 deutlich weniger zugelegt. Ein Teil des Unterschieds dürfte daran liegen, dass GE Vernova stärker vom US-Markt und damit von den dortigen Rechenzentren profitiert.

Was der Optionsmarkt vor den Zahlen erwartet

Für den Verfall am 30. Oktober, zwei Tage nach den Zahlen, preisen die Optionen eine Bewegung von rund ±6,6 Prozent ein, für den 20. November rund ±15 Prozent:

Kurs am 20. NovemberWahrscheinlichkeit
über 1.200 $ (über dem Rekord)14,0 %
über 1.100 $26,4 %
über 1.000 $44,3 %
unter 900 $ (rund −9 %)33,3 %
unter 800 $ (rund −19 %)15,2 %

Worauf es am 28. Oktober ankommt

Einordnung

Kaum ein Industriekonzern hat einen so langen, so gut bezahlten Auftragsbestand wie GE Vernova, und kaum einer erwirtschaftet so viel Geld im Voraus. Das Risiko liegt nicht im Geschäft der nächsten zwei Jahre, das ist weitgehend gebucht. Es liegt in der Bewertung, die einen langen Boom voraussetzt, und in einer Börse, die jede Nachricht über KI-Investitionen sofort auf GE Vernova überträgt. Ähnlich gelagert ist die Frage bei den Speicherherstellern; mehr dazu in unserem Beitrag zu Micron.

Quellen: Quartalszahlen, Prognose, Gasturbinen-Kapazität, Rückkäufe laut Mitteilung von GE Vernova vom 22. Juli (SEC); Aktienzahl laut Quartalsbericht (10-Q); Termin der Zahlen laut GE Vernova; Kursrutsch am 14. September via The Motley Fool und MarketBeat; Konferenz und 200-Milliarden-Marke via Alpha Spread; Vineyard Wind laut GE Vernova und Insurance Journal (Reuters); Baugenehmigung laut GE Vernova und American Nuclear Society. Börsenwert, Bewertungskennzahlen, die Rechnung zur Gasturbinen-Reichweite, Kurse, Vergleichswerte und die aus Optionspreisen abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten aus unseren eigenen Daten und Berechnungen, Stand 1. Oktober 2026 (laufender Handel).

Keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Prognosen sind Angaben des Unternehmens, keine Zusagen. Aus Optionspreisen abgeleitete Wahrscheinlichkeiten sind Marktpreise und keine Prognosen. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 1. Oktober 2026.