Bitcoin: Das Signal von 2019 und 2023 — und die zwei Male, in denen es danebenlag
Das Analysehaus Glassnode hat Anfang der Woche eine Meldung verbreitet, die in der Kryptoszene schnell die Runde machte: Bitcoin habe das Momentum-Signal ausgelöst, das die letzten beiden Bullenmärkte eingeleitet habe. Der MVRV-Wert sei wieder über seinen Durchschnitt der vergangenen 365 Tage gestiegen — derselbe Kreuzungspunkt wie zu Beginn der Aufschwünge 2019 und 2023.
Bitcoin steht bei rund 85.400 Dollar. Das ist 32 Prozent unter dem Rekord vom Oktober 2025, aber 46 Prozent über dem Tief von 58.525 Dollar Ende Juni. Wir haben das Signal mit frei verfügbaren Daten nachgerechnet und nicht nur 2019 und 2023 angesehen, sondern jedes Mal, an dem es aufgetreten ist.
Update vom 2. Oktober 2026 — Das Signal hält, das beste Quartal seit Ende 2024 und eine Großbank dreht ihre Prognose
Neun Tage nach diesem Beitrag steht Bitcoin bei rund 86.500 Dollar, gut 1 Prozent höher als am 23. September und praktisch auf dem höchsten Tagesschluss des Septembers (86.505 Dollar am 21.). Seit dem Schlusskurs vom Mittwoch sind es 3,5 Prozent. Die wichtigste Nachricht für die Frage dieses Beitrags: Das Signal ist nicht gekippt.
| Tag | Bitcoin (Tagesschluss) | MVRV | MVRV ÷ 365-Tage-Schnitt |
|---|---|---|---|
| 22. September | 86.205 $ | 1,61 | 1,10 |
| 25. September | 84.062 $ | 1,57 | 1,07 |
| 28. September | 83.517 $ | 1,56 | 1,06 |
| 1. Oktober | 84.777 $ | 1,58 | 1,08 |
Das Verhältnis ist nach dem Signal leicht zurückgegangen, aber nie unter 1,0 gefallen. Genau das ist der Unterschied zu den kurzen Ausschlägen Anfang September, die nach einem Tag wieder vorbei waren. Ein Beweis für eine der beiden Lesarten oben ist das nicht — auch im September 2021 hielt das Signal zunächst.
Drei Dinge, die sich seither bewegt haben
- Das Quartal. Von Juli bis September stieg Bitcoin um 43 Prozent, von 58.525 auf 83.580 Dollar. Das ist das stärkste Quartal seit dem vierten Quartal 2024 (+48 Prozent) und folgt auf drei Verlustquartale in Folge.
- Die Fonds. Die US-Bitcoin-ETFs sammelten in der Woche vom 21. bis 25. September rund 2,4 Milliarden Dollar ein, so viel wie seit Oktober 2025 nicht mehr; allein BlackRocks IBIT 1,2 Milliarden. Damit sind die Zuflüsse für 2026 wieder positiv, nachdem die Fonds im Sommer zeitweise fast 6 Milliarden Dollar im Minus lagen.
- Citigroup. Die Bank hob ihr Kursziel für die nächsten zwölf Monate von 82.000 auf 113.000 Dollar und rechnet jetzt mit 5 Milliarden Dollar ETF-Zuflüssen statt null. Zur Einordnung: Anfang 2026 lag Citis Ziel bei 143.000 Dollar, im März bei 112.000, im Juli bei 82.000. Die Bank folgt dem Kurs eher, als dass sie ihn vorwegnimmt.
Bemerkenswert ist auch, was nicht geschadet hat: Am 15. September scheiterte im US-Senat das Krypto-Marktgesetz Clarity Act. Bitcoin schloss an diesem Tag bei 75.650 Dollar und steht heute 14 Prozent höher. Bremsend wirken dagegen die Zinsen: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt bei rund 5,2 Prozent, und Geld, das sicher so viel abwirft, steht Bitcoin nicht zur Verfügung.
„Uptober“: Was die Statistik hergibt
In der Szene gilt der Oktober als guter Monat für Bitcoin. Die Zahlen seit 2013 geben dem recht — mit einer wichtigen Ausnahme:
| Oktober seit 2013 | Wert |
|---|---|
| Monate mit Gewinn | 10 von 13 |
| Mittlere Veränderung (Median) | +14,8 % |
| Bester Oktober | +61,2 % (2013) |
| Schlechtester Oktober | −13,4 % (2014) |
| Oktober 2025 | −3,9 % (Rekord am 6. Oktober, danach Absturz) |
Der letzte Oktober zeigt die Grenze solcher Statistiken: Er begann mit dem Allzeithoch und endete im Minus. Ein Kalendermuster ist kein Grund, warum ein Kurs steigen müsste.
Worauf es jetzt ankommt
- Das Signal: Fällt das MVRV-Verhältnis wieder unter 1,0, wäre der Fall 2021 wahrscheinlicher. Bleibt es darüber und steigt, spricht das eher für die Lesart von 2019 und 2023.
- Die Fondszuflüsse: Die Rekordwoche lief zum Ende hin aus, von knapp 1 Milliarde am Montag auf 134 Millionen am Freitag. Ob die Nachfrage anhält, ist die wichtigste offene Frage.
- Die Marke von 87.000 Dollar: Dort lag im September das Hoch innerhalb des Handelstages. Darüber gab es seit Juni keinen Schlusskurs.
Wie Bitcoin-Treasury-Firmen mit der Erholung umgehen, zeigt unser Beitrag zu Strategy: Die Aktie hat sich seit dem Tief im Juni fast verdoppelt.
Quellen zum Update: MVRV und Tagesschlusskurse aus den Daten von Coin Metrics (eigene Berechnung); ETF-Zuflüsse via The Block; Citigroup via CoinDesk und Bitcoin.com; Septemberhoch via UseTheBitcoin. Quartals- und Oktoberstatistik, Rendite und Kurse aus unseren eigenen Daten, Stand 2. Oktober 2026, morgens.
Was der MVRV misst
MVRV steht für Market Value to Realized Value. Der Marktwert ist die Zahl aller Bitcoins mal dem aktuellen Kurs. Der realisierte Wert bewertet jede Münze stattdessen mit dem Kurs, zu dem sie zuletzt in der Blockchain bewegt wurde — grob gesagt mit dem durchschnittlichen Einstandspreis aller Halter. Ein MVRV von 1,6, wie derzeit, heißt: Der durchschnittliche Bitcoin ist 60 Prozent mehr wert als bei seiner letzten Bewegung. Unter 1 liegt der durchschnittliche Halter im Minus.
Glassnode schaut nicht auf den MVRV selbst, sondern darauf, ob er über oder unter seinem eigenen Jahresdurchschnitt liegt. Steigt dieses Verhältnis über 1,0, gewinnt die Bewertung wieder an Fahrt. Das ist ein Momentum-Signal, keine Aussage darüber, ob Bitcoin teuer oder günstig ist — darauf weist Glassnode selbst hin.
Die Nachrechnung: Das Signal ist da
Mit den Daten von Coin Metrics kommen wir zum selben Ergebnis. Das Verhältnis aus MVRV und 365-Tage-Durchschnitt lag im Februar bei 0,57, stieg Anfang September zweimal für einen Tag knapp über 1,0 und liegt seit dem 18. September durchgehend darüber. Am 22. September stand es bei 1,09. Der MVRV selbst ist seit Mitte August von 1,19 auf 1,61 gestiegen.
Alle Signale seit 2015
Als Signal zählen wir jedes Überschreiten der 1,0-Linie, dem mindestens 60 Tage darunter vorausgingen — damit fallen kurze Ausschläge heraus. Seit 2015 gab es sieben solche Signale; die beiden von 2015 gehören zur selben Bodenbildung:
| Signal | Bitcoin | nach 3 Mon. | nach 6 Mon. | nach 1 Jahr |
|---|---|---|---|---|
| Juli 2015 | 311 $ | −21 % | +46 % | +109 % |
| Oktober 2015 | 250 $ | +79 % | +68 % | +154 % |
| April 2019 | 5.189 $ | +116 % | +57 % | +41 % |
| September 2021 | 52.641 $ | −6 % | −25 % | −64 % |
| Januar 2023 | 23.775 $ | +23 % | +23 % | +82 % |
| Mai 2025 | 96.412 $ | +22 % | +17 % | −19 % |
| September 2026 | 80.944 $ | offen | offen | offen |
Die Aussage von Glassnode ist richtig, aber unvollständig. 2019 und 2023 stand das Signal tatsächlich am Anfang großer Aufschwünge, 2015 ebenso — dort allerdings erst im zweiten Anlauf: Nach dem Signal vom Juli fiel der Kurs zunächst um ein Fünftel. Im September 2021 aber kam es zwei Monate vor dem Zyklushoch: Bitcoin stieg noch bis November auf 67.542 Dollar (Tagesschluss) und fiel dann in einen Bärenmarkt — ein Jahr nach dem Signal stand der Kurs 64 Prozent tiefer. Im Mai 2025 lag das Signal fünf Monate lang richtig, bis zum Rekord von 124.824 Dollar im Oktober. Ein Jahr danach stand Bitcoin 19 Prozent unter dem Einstieg.
Die Bilanz, gezählt nach Marktphasen: drei Treffer, zwei Fehlschläge. Das hängt nicht an unserer Filterregel. Wir haben vier Varianten gerechnet — 30, 60 und 90 Tage darunter, mit und ohne Bestätigung über mehrere Tage. Das Signal von 2021 scheitert in allen vier, das von 2025 in drei davon.
Coin Metrics und Glassnode berechnen den realisierten Wert nicht völlig identisch, die Kurven verlaufen aber nahezu deckungsgleich. Glassnode markiert in seiner Grafik die Kreuzungen von 2019, 2023 und 2026; die Signale von 2021 und 2025 sind darin ebenfalls zu sehen, aber nicht hervorgehoben.
Was die Treffer von den Fehlschlägen trennt
Stellt man die Ausgangslage vor jedem Signal nebeneinander, zeigt sich ein klares Muster:
| Signal | Rückgang vom Hoch | Monate seit Hoch | tiefster MVRV | nach 1 Jahr |
|---|---|---|---|---|
| Juli/Oktober 2015 | −85 % | 19–22 | 0,56 | +109/+154 % |
| April 2019 | −84 % | 16 | 0,69 | +41 % |
| Januar 2023 | −77 % | 15 | 0,75 | +82 % |
| September 2021 | −53 % | 5 | 1,54 | −64 % |
| Mai 2025 | −28 % | 4 | 1,74 | −19 % |
| September 2026 | −53 % | 11 | 1,10 | offen |
Die drei Treffer kamen nach vollständigen Bärenmärkten: Rückgänge um 77 bis 85 Prozent, mehr als ein Jahr nach dem Hoch, und ein MVRV, der unter 1 fiel. Der durchschnittliche Halter lag also im Minus, die Verkaufswelle war durch. Die beiden Fehlschläge kamen nach Korrekturen mitten im Aufschwung — kürzer, flacher, und der MVRV blieb weit über 1.
2026 passt in keine der beiden Gruppen. Der Rückgang war mit 53 Prozent so tief wie 2021, aber das Signal kommt elf Monate nach dem Hoch und damit deutlich später. Der MVRV fiel bis auf 1,10, aber nie unter 1. Der Schritt, der 2019 und 2023 vorausging — dass der durchschnittliche Halter unter Wasser gerät —, hat diesmal nicht stattgefunden.
Zwei Lesarten
Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen, und die Daten entscheiden nicht zwischen ihnen.
Erstens: Die Zyklen werden flacher. Die MVRV-Höchststände sinken seit Jahren — 5,9 im Jahr 2013, 4,7 im Jahr 2017, 4,0 im Jahr 2021 und nur noch 2,8 im Jahr 2024. Wenn die Übertreibungen nach oben kleiner werden, müssen auch die Tiefs nicht mehr so tief fallen. Dann wäre ein MVRV von 1,10 das neue „unter 1“, und der Bärenmarkt 2026 wäre einfach milder ausgefallen als seine Vorgänger. Häufig genannt wird dafür der gewachsene Anteil institutioneller Anleger und börsengehandelter Fonds.
Zweitens: Der Rückgang war kein vollständiger Bärenmarkt, sondern eine tiefe Zwischenkorrektur wie 2021 — mit dem Unterschied, dass sie länger gedauert hat. Dann wäre das Signal ein Zwischenhoch-Signal wie im September 2021, und die Kapitulation stünde noch aus.
Welche Lesart zutrifft, zeigt sich erst im Nachhinein. Sicher ist nur: Das Signal ist ein schwächerer Beleg, als die Meldung nahelegt. In zwei von fünf abgeschlossenen Fällen lag es daneben, und die Lage 2026 ähnelt den Treffern nur zum Teil.
Einordnung
Momentum-Signale haben eine Eigenschaft, die man kennen sollte: Sie schlagen zu Beginn jedes großen Aufschwungs an — aber auch bei jeder kräftigen Erholung, die keiner wird. Im Rückblick bleiben die Treffer im Gedächtnis, weil danach große Kursgewinne folgten. An die Fehlschläge erinnert sich kaum jemand, weil auf sie nichts Besonderes folgte außer weiteren Verlusten.
Für 2026 heißt das: Die Erholung um fast die Hälfte seit Juni hat die Bewertungsdynamik gedreht, und das ist dieselbe Drehung wie 2019 und 2023. Der Unterbau ist aber ein anderer. Wer das Signal als Beleg für einen neuen Bullenmarkt liest, sollte wissen, dass es 2021 und 2025 genauso aussah.
Quellen: Aussage von Glassnode via The Crypto Basic und KuCoin News. MVRV, Verhältnis zum 365-Tage-Durchschnitt, alle Signale, Folgerenditen, Rückgänge und Höchststände sind eigene Berechnungen aus den frei verfügbaren Tagesdaten von Coin Metrics (Kennzahlen CapMVRVCur und PriceUSD, Tagesschluss UTC, bis 22. September 2026); der 365-Tage-Durchschnitt umfasst jeweils die vorangegangenen 365 Tage. Aktueller Kurs aus unseren Kursdaten, Stand 23. September 2026.
Keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Kryptowerte schwanken stark; ein Totalverlust ist möglich. Historische Signale und Muster sind keine Prognose für die künftige Entwicklung. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 23. September 2026 (Update-Box: 2. Oktober 2026).