Raiffeisen Bank International: 3,15 Milliarden aus Wien, der Weg aus Russland — und ein Leerverkäufer
Kaum eine europäische Bankaktie ist so gut gelaufen wie die der Raiffeisen Bank International. Seit Jahresbeginn hat die RBI an der Wiener Börse 55 Prozent gewonnen, seit dem Tief vor gut einem Jahr hat sich der Kurs mehr als verdoppelt. Zum Vergleich: Die Erste Group liegt seit Januar rund 10 Prozent im Plus. Am Montag schloss die RBI bei 59,40 Euro, 11 Prozent unter ihrem Hoch vom 11. September.
Dahinter stehen drei Themen, die gerade zusammenkommen: ein Gerichtsurteil über 3,15 Milliarden Euro, ein möglicher Ausstieg aus Russland — und ein Leerverkäufer, der genau dort Zweifel sät. Bankchef Michael Höllerer sagte am Montag bei einer Bloomberg-Veranstaltung in Wien: „Wenn ich morgen eine Opportunität hätte, aus Russland auszusteigen, würde ich es morgen machen.“
Das Geschäft ohne Russland läuft
Die Rally hat eine solide Grundlage. Im ersten Halbjahr steigerte die RBI das Konzernergebnis ohne Russland um 25 Prozent auf 708 Millionen Euro. Die Kredite im Kerngeschäft in Mittel- und Osteuropa wuchsen um 6 Prozent auf 107 Milliarden Euro, der Anteil fauler Kredite lag bei 1,6 Prozent. Die harte Kernkapitalquote ohne Russland stieg auf 15,5 Prozent — berechnet für den schlimmsten Fall, dass das Russland-Geschäft komplett verloren geht. Für 2025 hat die RBI 1,60 Euro Dividende je Aktie gezahlt, 50 Cent mehr als im Jahr davor.
Für 2026 erwartet die Bank ohne Russland eine Eigenkapitalrendite von rund 9,5 Prozent, mittelfristig mindestens 13 Prozent. Dazu kommen zwei Zukäufe: Die RBI hat sich 56 Prozent an der Addiko Bank gesichert und übernimmt die rumänische Tochter von BBVA Garanti.
Russland: Gewinn, der nicht nach Wien kommt
Mit Russland lag das Konzernergebnis bei 1,26 Milliarden Euro. Die russische Tochter verdiente im Halbjahr 550 Millionen Euro — Geld, das wegen der Sanktionen und russischer Beschränkungen nicht nach Österreich überwiesen werden kann. Seit 2022 hat die RBI das Geschäft dort stark verkleinert:
| Russland-Tochter | 2. Quartal 2022 | 30. Juni 2026 |
|---|---|---|
| Kredite an Kunden | 13,7 Mrd. € | 2,5 Mrd. € |
| Kundeneinlagen | 29,5 Mrd. € | 10,9 Mrd. € |
Verkaufen konnte die RBI die Tochter bisher nicht. Höllerer sieht derzeit keine Anzeichen für eine Enteignung, obwohl Russland zuletzt die Geschäfte von Metro, Nestlé und Auchan unter staatliche Verwaltung gestellt hat — ein Schritt, der einer Enteignung vorausgehen kann.
Das Urteil über 3,15 Milliarden Euro
Bewegung bringt ein Rechtsstreit. Am 22. September hat das Landesgericht Wien der RBI und ihrer russischen Tochter in einem Versäumnisurteil 3,15 Milliarden Euro Schadenersatz gegen die russische Firma Rasperia zugesprochen. Rasperia war früher dem sanktionierten Oligarchen Oleg Deripaska zugeordnet und hält in Österreich eingefrorene Vermögenswerte:
- 28,5 Millionen Aktien des Baukonzerns Strabag — zum heutigen Kurs von 103,20 Euro rund 2,9 Milliarden Euro wert,
- die seit 2021 aufgelaufenen Dividenden darauf
- und Erlöse aus einer Kapitalherabsetzung von 2024.
Die Vorgeschichte ist verwickelt. Ein geplanter Tausch — die RBI hätte die Strabag-Aktien bekommen, Rasperia 1,5 Milliarden Euro aus der russischen Tochter — scheiterte 2024 an Bedenken der USA. Danach sprachen russische Gerichte Rasperia Schadenersatz gegen die Strabag-Kernaktionäre zu, vollstreckbar gegen die russische RBI-Tochter. Die RBI hat dafür 840 Millionen Euro zurückgestellt. Gelingt die Vollstreckung in Wien, wäre es das erste Geld, das die RBI seit Beginn der Sanktionen indirekt aus Russland herausholt.
Was noch fehlt: Rasperia kann binnen vier Wochen Berufung einlegen, die Frist läuft nach unserer Rechnung um den 20. Oktober ab. Danach muss die Finanzmarktaufsicht FMA die eingefrorenen Werte freigeben, denn das Urteil allein hebt die EU-Sanktionen nicht auf. Österreich ist zweimal damit gescheitert, die Strabag-Aktien in den EU-Sanktionsverhandlungen freizubekommen. Kritiker wie die Organisation BankTrack werfen der RBI vor, ein österreichisches Gericht vollstrecke damit faktisch ein russisches Urteil.
Der Leerverkäufer
Am 17. September fiel die Aktie um 6 Prozent. Das Analysehaus Grizzly Research, das auf fallende Kurse setzt, warf der RBI vor, ihre russische Tochter sei an Handelsgeschäften über 1,19 Milliarden Dollar beteiligt gewesen, deren Waren westlichen Ausfuhrbeschränkungen unterlagen. Die RBI weist das zurück. Am selben Tag senkte die Erste Group ihre Empfehlung auf „Halten“, Kursziel 70 Euro. Behördliche Schritte sind bisher nicht bekannt.
Der zweite Rückschlag am 1. Oktober (minus 5,6 Prozent) hatte dagegen nichts mit der RBI selbst zu tun: Hohe Anleiherenditen und Ölpreise drückten an diesem Tag alle europäischen Bankaktien, die Erste Group verlor 4,5 Prozent, der ATX 2,6 Prozent.
Die Termine
- Um den 20. Oktober: Ende der Berufungsfrist für Rasperia (eigene Rechnung).
- 3. November: Zahlen zum dritten Quartal mit Telefonkonferenz.
- Offen: die Entscheidung der FMA über die Freigabe der Strabag-Aktien und mögliche Reaktionen Russlands — ein russisches Gericht hatte der RBI im Juli Klagen gegen Rasperia außerhalb Russlands untersagt, eine Klage in Österreich bis 2,85 Milliarden Euro aber ohne Strafe zugelassen. Das Wiener Urteil liegt darüber.
Einordnung
Die RBI ist zwei Aktien in einer. Das Geschäft in Mittel- und Osteuropa wächst und verdient gut, die Kapitalquote ist solide gerechnet, die Dividende steigt. Gemessen an rund 329 Millionen Aktien ist die Bank an der Börse rund 19,5 Milliarden Euro wert. Über allem hängt aber Russland: ein Gewinn von mehr als einer Milliarde Euro im Jahr, der nicht ausgeschüttet werden kann, ein Ausstieg ohne Käufer, Rechtsrisiken und der Vorwurf eines Leerverkäufers. Das Urteil gegen Rasperia ist die bisher konkreteste Chance, einen Teil des Werts herauszulösen. Bis die FMA entscheidet und Rasperia auf eine Berufung verzichtet, bleibt es eine Chance.
Quellen: Aussagen von Höllerer via onvista (dpa-AFX), finanzen.at und Bloomberg; Halbjahreszahlen und Ausblick laut RBI und Halbjahresfinanzbericht; Urteil gegen Rasperia via ORF, Reuters (via Global Banking and Finance) und RBI; Kritik via BankTrack; Leerverkäufer-Bericht via finanzen.at und finanzen.at; 1. Oktober via onvista (dpa-AFX); Termine laut Finanzkalender der RBI. Kurse, Kursveränderungen, Börsenwert und Wert der Strabag-Aktien aus unseren eigenen Daten und Berechnungen, Stand 6. Oktober 2026 (Schlusskurse 5. Oktober).
Keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Das Urteil gegen Rasperia ist nicht rechtskräftig; die Vorwürfe des Leerverkäufers sind nicht belegt und werden von der RBI bestritten. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 6. Oktober 2026.