L3Harris: Fast 11 Milliarden Dollar für Raketenantriebe — warum die Aktie trotzdem auf dem Jahrestief steht
Selten hat ein Rüstungskonzern in so kurzer Zeit so große Aufträge gemeldet. Innerhalb von drei Wochen bekam L3Harris von Lockheed Martin zwei Verträge über zusammen rund 10,7 Milliarden Dollar, um die Antriebe für die Abwehrraketen Patriot und THAAD in viel größerer Zahl zu bauen. Die Aktie reagierte darauf kaum — am Tag der zweiten Meldung, dem 29. September, schloss sie bei 236,47 Dollar sogar auf dem tiefsten Stand seit einem Jahr.
Am Dienstag stand L3Harris bei 237,90 Dollar, 19 Prozent unter dem Jahresanfang und 37 Prozent unter dem Hoch vom 2. März. Wir zeigen, warum gute Nachrichten derzeit nicht ankommen.
Die Aufträge
| Datum | Auftrag | Wert |
|---|---|---|
| 8.9.2026 | Antriebe für die Patriot-Abfangrakete PAC-3 MSE, sieben Jahre | 4,7 Mrd. $ |
| 29.9.2026 | Antriebe für das Raketenabwehrsystem THAAD, sieben Jahre, neues Werk für Feststoff-Booster | über 6 Mrd. $ |
Hintergrund sind Rahmenvereinbarungen mit dem US-Kriegsministerium: Lockheed Martin will die Fertigung von PAC-3-Abfangraketen von 600 auf 2.000 im Jahr steigern, die Produktion der THAAD-Antriebe soll sich vervierfachen. Seit dem Krieg mit dem Iran, der am 28. Februar begann, werden solche Raketen in großer Zahl verbraucht. L3Harris baut dafür in Arkansas neue Werke und will rund 3 Milliarden Dollar in Feststoff-Raketenmotoren investieren.
Zwei Dinge erklären, warum der Markt kaum reagierte. Beide Verträge sind „undefinitized“: Preis und Bedingungen werden erst noch festgelegt, die Summen sind Rahmenwerte über sieben Jahre. Und L3Harris selbst schrieb, die Aufträge entsprächen den bereits genannten Erwartungen — sie waren also im Ausblick schon enthalten.
Was die Aktie belastet
- Der Wechsel an der Spitze: Am 17. August musste Vorstandschef Christopher Kubasik gehen. Der Verwaltungsrat begründete das mit Verhalten, das nicht mit dem Verhaltenskodex vereinbar sei, und betonte, es habe nichts mit den Finanzen oder dem Geschäft zu tun. Medien berichteten über eine unangemessene Beziehung im Unternehmen und einen ruppigen Führungsstil; Kubasiks Sprecher bestritt den ersten Punkt. Die Aktie fiel an dem Tag um 4,6 Prozent. Nachfolger ist Sam Mehta, der zuvor die Sparten verantwortete, die mehr als 80 Prozent des Umsatzes ausmachen. Die Prognose für 2026 wurde bestätigt.
- Anwälte und Abstufungen: Mehrere Kanzleien prüfen mögliche Klagen von Aktionären. Melius (8.9.), Argus (25.9.) und zuvor Jefferies stuften auf „Halten“ ab, Jefferies senkte das Ziel später auf 280 Dollar. Bernstein blieb bei „Outperform“, reduzierte das Ziel aber von 365 auf 346 Dollar.
- Der verschobene Börsengang: L3Harris will die Raketensparte Missile Solutions an die Börse bringen, an der das Kriegsministerium seit April mit einer Milliarde Dollar beteiligt ist. Im Juli verschob der Konzern das von der zweiten Jahreshälfte 2026 auf Mitte 2027. Damit fehlt ein Ereignis, das den Wert der Sparte sichtbar gemacht hätte.
- Der Haushalt: Der US-Haushalt ist nur bis zum 11. Dezember finanziert, im November wird gewählt. Für Rüstungsfirmen ist das eine Phase, in der neue Programme kaum planbar sind.
Im Vergleich mit der Branche
| Aktie | Kurs 6.10. | seit 1.1. |
|---|---|---|
| Lockheed Martin | 510,12 $ | +5,5 % |
| RTX | 183,29 $ | ±0 % |
| Northrop Grumman | 483,11 $ | −15,3 % |
| L3Harris | 237,90 $ | −19,0 % |
Auch die anderen US-Rüstungswerte haben seit dem Hoch Anfang März verloren, L3Harris aber am stärksten. Der Abschlag ist also zum Teil hausgemacht.
Was jetzt zählt
Die Analysten trauen der Aktie im Schnitt deutlich mehr zu: Das durchschnittliche Kursziel liegt laut MarketBeat bei rund 356 Dollar, die Mehrheit empfiehlt weiter Kaufen. Der nächste Prüfstein sind die Zahlen zum dritten Quartal am 29. Oktober vor US-Börsenbeginn, die Telefonkonferenz beginnt um 15:30 Uhr deutscher Zeit. Es ist das erste Quartal, das Sam Mehta vollständig verantwortet. Drei Fragen dürften dann im Mittelpunkt stehen: Bleibt die Prognose stehen? Wie schnell werden die Raketenaufträge zu Umsatz? Und gibt es Neues zum Zeitplan für Missile Solutions?
Einordnung
Bei L3Harris laufen Geschäft und Aktie derzeit auseinander. Die Nachfrage nach Abwehrraketen ist durch den Krieg so hoch wie lange nicht, und L3Harris sitzt mit den Antrieben an einer Engstelle der Lieferkette. Der Markt bewertet aber vor allem die Unsicherheit an der Spitze, den verschobenen Börsengang und das politische Umfeld vor den Wahlen. Ob sich das ändert, hängt weniger an weiteren Aufträgen als daran, ob der neue Chef am 29. Oktober Vertrauen zurückgewinnt.
Quellen: Aufträge laut L3Harris (THAAD, PAC-3 via Defense News) und Defense Daily; Vorstandswechsel laut L3Harris, Aviation Week und Fox Business; Börsengang der Raketensparte via Breaking Defense und L3Harris; Analysten via MarketBeat und GuruFocus; Termin der Quartalszahlen laut L3Harris. Kurse und Kursveränderungen aus unseren eigenen Daten, Stand 6. Oktober 2026 (Schlusskurse).
Keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Auftragswerte sind Rahmenwerte über mehrere Jahre, die endgültigen Konditionen stehen noch aus. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 6. Oktober 2026.