Liniendiagramm seit Oktober 2025, Index 100: Trulieve plus 28 Prozent, Curaleaf plus 14 Prozent, der US-Cannabis-ETF MSOS minus 12 Prozent, Tilray minus 78 Prozent. Nach dem Trump-Dekret vom 18. Dezember, der Umstufung von medizinischem Cannabis am 23. April und dem Stopp des DEA-Verfahrens am 29. September fielen die Kurse jeweils deutlich.

Cannabis-Aktien 2026: Washington lockert, aber nur die Medizin-Betreiber profitieren

4. Oktober 2026 · marktradar Beiträge · Analyse

Für Cannabis-Anleger war es ein Jahr der guten Nachrichten — und trotzdem steht der wichtigste Branchen-ETF im Minus. Am 30. September fiel der US-Cannabis-ETF MSOS um 11 Prozent, nachdem der zuständige Richter der Drogenbehörde DEA das Verfahren zur Lockerung von Cannabis vorerst angehalten hatte. Seit Jahresbeginn liegt der ETF damit 5 Prozent im Minus, während der S&P 500 rund 12 Prozent gewonnen hat.

Der Durchschnitt verdeckt aber einen tiefen Graben. Seit April gilt medizinisches Cannabis in den USA nicht mehr als Droge der höchsten Gefahrenstufe — und die Unternehmen, die vor allem Patienten beliefern, haben deutlich zugelegt. Die kanadischen Produzenten dagegen sind weiter abgestürzt, allen voran Tilray mit 60 Prozent Minus seit Januar. Wir ordnen ein, was beschlossen ist, was nicht, und welche Termine jetzt zählen.

Dreimal dasselbe Muster

Drei Entscheidungen aus Washington haben die Branche in den vergangenen zehn Monaten bewegt. Jedes Mal liefen die Kurse vorher hoch und fielen danach — auch dann, wenn die Nachricht selbst gut war:

EreignisMSOS vorheram Tag danach
Trump unterschreibt Dekret zur Umstufung (18.12.2025)+78 % in vier Handelstagen−27 %
Justizministerium stuft medizinisches Cannabis um (23.4.2026)+28 % in drei Handelstagen−17 %
DEA-Richter hält das Verfahren an (29.9.2026)—−11 %

Im Dezember sprang der ETF nach einem Bericht der Washington Post über das bevorstehende Dekret binnen eines Tages um 54 Prozent. Als Trump am 18. Dezember unterschrieb, verkauften Anleger: Das Dekret war nur ein Auftrag an die Behörden, noch keine Regel. Im April wiederholte sich das, als klar wurde, wie eng die Umstufung tatsächlich ausfiel.

Was im April wirklich beschlossen wurde

Am 23. April ordnete das Justizministerium an, zwei Gruppen von Produkten aus Schedule I — der Stufe für Drogen ohne anerkannten medizinischen Nutzen — in Schedule III zu verschieben: von der Arzneimittelbehörde FDA zugelassene Cannabis-Medikamente und Cannabis, das unter einer medizinischen Lizenz eines Bundesstaats verkauft wird. Freizeit-Cannabis bleibt in Schedule I.

Wichtig ist das vor allem wegen einer Steuerregel. Paragraf 280E des US-Steuerrechts verbietet Händlern von Drogen der Stufen I und II, gewöhnliche Betriebsausgaben wie Miete oder Löhne abzusetzen. Dadurch zahlten Cannabis-Unternehmen nach Branchenangaben im Schnitt Steuersätze von über 60 Prozent. Für das medizinische Geschäft fällt diese Regel nun weg. Für das Freizeitgeschäft gilt sie weiter — und wie Unternehmen mit beiden Sparten ihre Kosten aufteilen sollen, hat die Steuerbehörde IRS noch nicht festgelegt.

In den Bilanzen ist der Effekt schon sichtbar. Curaleaf, zu rund 60 Prozent ein Medizin-Anbieter, verbuchte im zweiten Quartal einen Steuerertrag von 65,1 Millionen Dollar. Bei Green Thumb, laut einer Analystenschätzung etwa zur Hälfte im Medizingeschäft tätig, sank der Steueraufwand von 21,6 auf 12,5 Millionen Dollar.

Gewinner und Verlierer

AktieSchwerpunktKurs 2.10.seit 1.1.
CuraleafUSA, ~60 % medizinisch9,95 $+32 %
TrulieveUSA, nur medizinisch10,72 $+23 %
CronosKanada3,23 $+23 %
Innovative Industrial PropertiesImmobilien für Cannabis-Firmen50,52 $+7 %
US-Cannabis-ETF MSOSKorb der US-Betreiber4,47 $−5 %
AuroraKanada, Übernahmeziel3,92 $−7 %
VeranoUSA5,26 $−17 %
Green ThumbUSA, ~50 % medizinisch6,61 $−18 %
Canopy GrowthKanada0,88 $−23 %
SNDLKanada1,24 $−25 %
TilrayKanada, Europa, Bier3,61 $−60 %
CantourageDeutschland, Medizinalcannabis5,24 €+55 %

Gemessen an den Höchstständen vom Herbst 2021 liegen die meisten dieser Werte weiterhin 70 bis 99 Prozent im Minus. Wo die Tabelle Gewinne zeigt, sind es Erholungen von einem sehr tiefen Niveau aus, keine neuen Rekorde.

Trulieve: der reine Medizin-Wert

Kein Unternehmen hat die April-Entscheidung so konsequent genutzt wie Trulieve. Der Konzern trennte sich bilanziell von seinem Geschäft mit Freizeit-Cannabis und wurde am 10. Juni als erster US-Cannabis-Betreiber an der New York Stock Exchange notiert. Bis dahin waren die Aktien der US-Cannabis-Betreiber nur außerbörslich oder in Kanada handelbar. Trulieve betreibt 207 Apotheken für medizinisches Cannabis, vor allem in Florida, dazu in Georgia, Pennsylvania und West Virginia. Im zweiten Quartal setzte der Konzern 271 Millionen Dollar um und kündigte Aktienrückkäufe von bis zu 50 Millionen Dollar an.

Der Haken liegt in Florida: Eine Volksabstimmung über Freizeit-Cannabis wird es dort 2026 nicht geben. Die Initiative scheiterte im Februar an fehlenden gültigen Unterschriften, nachdem der Bundesstaat Zehntausende aussortiert hatte. Der nächste Versuch zielt auf 2028. Für Trulieve bedeutet das: Der steuerliche Vorteil im Medizingeschäft bleibt, ein großer neuer Markt kommt vorerst nicht.

Curaleaf greift nach Aurora

Curaleaf hat im August ein feindliches Übernahmeangebot für den kanadischen Produzenten Aurora vorgelegt: 0,3463 Curaleaf-Aktien plus 0,75 Dollar in bar je Aurora-Aktie, damals umgerechnet 4,00 Dollar. Weil der Preis zum größten Teil in Aktien gezahlt wird, schwankt er mit dem Curaleaf-Kurs. Beim Schlusskurs vom Freitag ist das Angebot rund 4,20 Dollar wert, Aurora notiert bei 3,92 Dollar — gut 6 Prozent darunter. Der Markt zweifelt also daran, dass die Übernahme zu diesen Bedingungen gelingt. Auroras Verwaltungsrat empfiehlt, das Angebot abzulehnen, und verweist auf rund 149 Millionen kanadische Dollar Barmittel ohne Schulden. Die Annahmefrist läuft bis zum 1. Dezember.

Kanada: Rekordumsatz, Rekordtief

Bei Tilray zeigt sich, dass gute Zahlen allein nicht reichen. Im Geschäftsjahr bis Ende Mai erzielte der Konzern einen Rekordumsatz von 915,5 Millionen Dollar (+11 Prozent) und ein bereinigtes Ebitda von 61,1 Millionen. Das internationale Medizingeschäft wuchs um 34 Prozent, vor allem in Europa. Unter dem Strich stand trotzdem ein Verlust von 105,2 Millionen Dollar. Die Aktie schloss am 1. Oktober bei 3,57 Dollar, so tief wie nie in den vergangenen fünf Jahren. Gut ein Viertel des Umsatzes (254 Millionen Dollar) stammt aus Bier und Getränken, seit März auch von der übernommenen schottischen Brauerei BrewDog — mit der Umstufung in den USA hat dieser Teil nichts zu tun. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet Tilray ein bereinigtes Ebitda von 68 bis 75 Millionen Dollar. Die nächsten Zahlen kommen am 8. Oktober.

Canopy Growth notiert unter einem Dollar. Fällt der Kurs 30 Handelstage in Folge darunter, droht eine Rüge der Nasdaq. Canopy lässt sich deshalb vorsorglich einen erneuten Aktienzusammenschluss genehmigen — die Hauptversammlung dazu musste aber vertagt werden, weil zu wenige Aktionäre vertreten waren.

Deutschland: Cantourage und das Gesetz, das nicht kommt

Die bekannteste deutsche Cannabis-Aktie ist Cantourage (WKN A3DSV0). Als das Bundeskabinett im Oktober 2025 schärfere Regeln für Medizinalcannabis beschloss — Erstrezept nur nach persönlichem Arztbesuch, Versandverbot für Blüten —, fiel die Aktie um 17 Prozent. Seitdem hat sie sich mehr als erholt: +55 Prozent seit Januar.

Der Grund: Das Gesetz liegt seit der Anhörung im Januar im Gesundheitsausschuss des Bundestags fest. Die SPD lehnt das Versandverbot ab, ein Termin für die Abstimmung steht nicht fest. Telemedizin-Rezepte und der Versand durch Apotheken sind also weiterhin erlaubt. Laut dem zweiten Zwischenbericht zur Teillegalisierung vom April ist über Online-Apotheken „der größte legal-kommerzielle Cannabismarkt Europas“ entstanden. Cantourage hat sich trotzdem abgesichert: Im ersten Halbjahr kam erstmals mehr als die Hälfte des Umsatzes aus dem Ausland. Für 2026 erwartet das Unternehmen 85 bis 95 Millionen Euro Umsatz und 10 bis 12 Millionen Euro bereinigtes Ebitda. Vorstandschef Philip Schetter scheidet allerdings vorzeitig aus.

Die Termine

Einordnung

Die Lockerung in den USA wirkt — aber nicht für die ganze Branche. Wer vor allem Patienten beliefert, zahlt seit April deutlich weniger Steuern, und das zeigt sich in den Zahlen von Curaleaf, Green Thumb und Trulieve. Für Freizeit-Cannabis bleibt alles beim Alten, solange das DEA-Verfahren ruht. Sicher ist auch dann nichts: Gegner haben schon die April-Entscheidung angefochten, und ein Urteil zugunsten von Schedule III dürfte ebenfalls vor Gericht landen.

Wer sich mit Cannabis-Aktien beschäftigt, sollte drei Dinge prüfen: Wie hoch ist der medizinische Anteil am Umsatz? Wie stark drückt der Preisverfall — Green Thumbs Bruttomarge sank binnen eines Jahres von 49,9 auf 45,0 Prozent? Und wie viele neue Aktien gibt das Unternehmen aus, etwa für Übernahmen? Das Muster der vergangenen zehn Monate zeigt außerdem: Die Kurse bewegen sich vor allem auf Erwartungen. Ist eine Entscheidung erst gefallen, wird sie verkauft.

Quellen: Umstufung vom April laut Holland & Knight; Stopp des Verfahrens laut Vicente LLP, Marijuana Moment und Yahoo Finance; Dezember-Dekret via Yahoo Finance; Unternehmenszahlen aus den Quartalsberichten von Trulieve, Curaleaf (10-Q), Green Thumb und Tilray (Baystreet, Termin laut Unternehmensmitteilung); Trulieve-Börsengang laut Unternehmensmitteilung; Florida via Cannabis Business Times; Aurora-Angebot via Investing.com und CBC; Canopy laut Einladung zur Hauptversammlung; Hanfverbot via Forbes; Deutschland via Bundestag, Pharmazeutische Zeitung, Bundesgesundheitsministerium und Cantourage-Ad-hoc. Kurse, Kursveränderungen und der Wert des Aurora-Angebots aus unseren eigenen Daten und Berechnungen, Stand 4. Oktober 2026 (Schlusskurse 2. Oktober).

Keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Cannabis-Aktien schwanken sehr stark und hängen von politischen Entscheidungen ab. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 4. Oktober 2026.